Nicht nichts, aber nicht viel mehr

Erhard Mentges aus Trier schreibt: In der Rathauszeitung vom 10. September werden wir auf der ersten Seite über die Gründung eines „Bündnisses für bezahlbare Wohnungen in Trier“ informiert. Besiegelt wird dies mit der Unterzeichnung eines „Letter of Intent“, was immer das auch sein mag. Vielleicht könnte man mal dem Anteil der ungebildeten, nicht englischsprachigen Lesern erklären, was das denn sein soll.

Ich gehe davon aus, dass sich die beiden abgebildeten Herren, Oberbürgermeister Klaus Jensen und Finanzminister Carsten Kühl, das nicht selbst ausgedacht haben, sondern hier ein übereifriger Verbreiter von völlig überflüssigen Anglizismen am Werk war. Oder könnte es etwa sein, dass in dieses Vorhaben mehrere englische Investoren eingebunden sind? Aus dem Text geht solches jedenfalls nicht hervor.

Sollte hier jedoch die weltoffene und weltmännische Einstellung der Unterzeichner dargelegt werden, so sei ihnen gesagt, dass dazu nicht unnötige und lächerliche Anglizismen herangezogen werden müssen. Dafür sind andere Eigenschaften notwendig.

Fazit: albern und dümmlich.

Hier noch eine allgemeine Information: Nach Working, Trekking, Jogging, Mobbing gibt es jetzt eine neudeutsche Zustandsbezeichnung für Leute, die glauben, alles ins Englische übersetzen zu müssen und die heißt: „beklopping“. Da noch ziemlich neu, ist sie nicht im Duden enthalten, der ja kürzlich vom Verein Deutsche Sprache zum Sprachpanscher des Jahres gewählt wurde.

Lieber Herr Mentges,

vielen Dank für Ihre Mail. Open your mind: Ein Letter of Intent bedeutet kein Closing, eher eine Art Commitment, meinetwegen auch den Kick off, um sich auf Basics zu einigen, die Claims abzustecken und dermaleinst vielleicht einen Big Deal zu landen. Bis es so weit ist, muss der Brain Trust die Line of Business definieren und die Feasibility Study durch die Bottlenecks bringen. Ich wage den Forecast: Chairman Klaus Jensen, bekanntermaßen ein Troubleshooter mit Core Competence, wird das Ding gemeinsam mit Treasurer Carsten Kühl schon wuppen, im Zweifel Face-to-face. Und ohne Outplacement oder ähnliche Sperenzchen in eine Win-win-Situation führen …

Hilfe, wo ist der Emergency exit? Schluss mit dem Bullshit!

Das Wortgetöse ist frei erfunden, just for fun. Derlei Bombast begegnet uns im Leben nicht wirklich. Nun ja, zumindest nicht in dieser Ballung. Und doch: Der Hang zum krawummigen Kauderwelsch nimmt zu. Warum nur? Versucht’s mal ohne denglischen Nervsprech!

Also: Der Letter of Intent ist eine Absichtserklärung, eine Grundsatzvereinbarung, ein Vorvertrag. Der Begriff aus der Wirtschafts- und Juristensprache findet sich neuerdings öfter in den Medien, weil …

… Projekte, selbst auf dem flachen Land, international ausgeschrieben und auf Englisch verhandelt werden. Via „O-Ton“ gelangt manche fremd klingende Vokabel in die Öffentlichkeit.

… jemand wichtig tut. Nehmen wir an, in der Eifel taucht ein Businessman auf und verkündet, er wolle ein paar Hundert Millionen Euro in den Provinzflugplatz stecken, um einen richtigen Airport daraus zu machen – ein Sechser im Lotto für die Lokalpolitiker, was für ein Hurra! Freilich, es dauert, bis so ein Geschäft unter Dach und Fach ist. Das zieht sich und zieht sich. Indes giert das Volk nach Informationen. Wird’s? Wird’s nicht? Ein Letter of Intent muss her. Hört sich beeindruckend an. Ist aber bloß eine Absichtserklärung. Nicht nichts, aber nicht viel mehr als nichts. Ein Dokument, das Monate, bisweilen Jahre wie eine Beruhigungspille zu wirken vermag …

Zur Ehrenrettung der Kollegen von der Trierer Rathaus-Zeitung sei gesagt, dass sie in dem Artikel über das Wohnungsbündnis – auf Deutsch – erklären, was ein Letter of Intent ist. So halten wir das beim Volksfreund auch, seit der Begriff etwa Mitte der 90er Jahre zum ersten Mal im Blatt aufpoppte: wenn möglich vermeiden, wenn nötig übersetzen.

Ein Wort noch zum Walking (besten Dank für den Tipp, Ferry Seidl aus Gusterath!). Es kommt mir vor, als hätten die Menschen in Deutschland erst vor einem Vierteljahrhundert den aufrechten Gang gelernt. So um 1990 herum, als das bis dato verbreitete (schnelle) Gehen nicht mehr up to date war und von einer neuen Art der Fortbewegung abgelöst wurde: Walking. Gefolgt von: Nordic Walking (mit Stöcken), Power Walking (volle Pulle), Winter Walking (nur im, richtig, Winter), Onko Walking (Krebs-Therapie), Aqua Walking (übers Wasser … ähh … nein, das kann nur einer, das geht nun wirklich zu weit).

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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