Prügel für die Boten

Prof. Dr. Hans-Joachim Troeber aus Trier schreibt: Ihre Zeitung nennt sich unabhängig und überparteilich. Was in den letzten Ausgaben dem Leser allerdings über die „Finanzaffäre“ Böhr in Artikeln und Fotos dokumentiert wurde, erinnert an die mediale Kampagne gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Wulff. Betrachten Sie das Bild auf der Titelseite (Ausgabe vom 4. September). Warum muss man Menschen, solange die rechtliche Unschuldsvermutung gilt, so demütigen? Dass ausgerechnet diese Artikel vor der Bundestagswahl überproportional veröffentlicht werden, wirft ein schlechtes Licht auf Ihre Redaktion. Ich beziehe den Volksfreund seit über 50 Jahren und gehöre keiner Partei an, erwarte aber eine intelligente Abwägung der Berichterstattung. Es geht auch um Menschenwürde!

Lieber Herr Prof. Dr. Troeber,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Das Thema bewegt die Leser, wie ich aus Telefonaten und Briefen weiß. Daher einige Erläuterungen zur Herangehensweise der Redaktion:

  • Dass der Prozess gegen Christoph Böhr kurz vor der Bundestagswahl begonnen hat, liegt an der Terminplanung der Justiz, nicht an den Medien. Wir berichten, was ist. Aktuell. Und warten damit nicht bis nach dem 22. September. So wenig, wie wir darauf verzichten, eine Impression von Frau Merkels Wahlkampf-Auftritt in Trier auf dem Titel zu zeigen (Ausgabe vom 5. September).
  • Dass die Berichterstattung prominent ausfällt, resultiert aus der Bedeutung des Falls: Herr Böhr ist eine Person der Zeitgeschichte, lange Jahre führte er die rheinland-pfälzischen Christdemokraten und spielte in der Bundespartei eine wichtige Rolle. Die Vorgänge, die das Mainzer Landgericht aufklären will, haben die CDU im Land erschüttert; die Nachwirkungen sind bis heute zu spüren. Wir klagen nicht an, wir verteidigen nicht, wir sprechen nicht das Urteil. Wir berichten, was ist. So wie andere rheinland-pfälzische und überregionale Medien.
  • Dass Herr Böhr gedemütigt oder in seiner Menschenwürde verletzt worden sein soll, sehe ich nicht. Die Darstellung ist sachlich und unaufgeregt, das Seite-eins-Foto dokumentiert seinen Auftritt im Gerichtssaal. Wir berichten, was ist.
  • Dass sich der (falsche) Eindruck aufdrängt, es handle sich um eine Kampagne, erklärt sich mit der Abfolge der Ereignisse. Vorabmeldung, Prozessauftakt, Zeugenaussagen: täglich wird verhandelt, täglich wird Neues bekannt. Wir berichten, was ist. Sie können sich darauf verlassen, dass wir uns auch künftig um (politische) Affären und Skandale kümmern, unabhängig von der Farbe der Partei.

Gerd Jürgen Stoffel aus Irmenach meint: Als Kassierer bei den Heimspielen der HSG Irmenach-Kleinich-Horbruch fühle ich mich durch die Berichterstattung in den Zeitungen und im Radio persönlich beleidigt und diskriminiert. Seit die HSG besteht (1981), bin ich als Kassierer bei den Heimspielen tätig. Wie viele Freizeit-Kilometer mit dem eigenen Auto habe ich aus meiner eigenen Tasche bezahlt, um nach Traben-Trarbach zu fahren! Seit es in Kleinich eine Halle gibt, ist es etwas weniger geworden. Während andere auf der Tribüne sitzen, muss ich als Kassierer mit den Zuschauern fertig werden.

Die Gelder vom Hahn werden ausschließlich für die Jugendarbeit verwendet. Ohne Geld, egal woher, können wir die Jugendarbeit nicht bestreiten, und die Kinder und Jugendlichen stehen auf der Straße. Alle ehrenamtlichen Helfer und Trainer der HSG sind persönlich beleidigt. Trotzdem werde ich weitermachen, mit 71!

Lieber Herr Stoffel,

vielen Dank für Ihre Hinweise. Soweit mir bekannt, ist der Handballverein HSG Irmenach-Kleinich-Horbruch nicht kritisiert worden. Dazu besteht ja auch nicht der geringste Anlass. Im Gegenteil: Das ehrenamtliche Engagement ist vorbildlich!

Wenn Sie und Ihre Klubkameraden sich aufgrund der Berichterstattung beleidigt oder diskriminiert fühlen, tut mir das leid.

Bitte verwechseln Sie jedoch nicht Ursache und Wirkung!

Der Überbringer der Botschaft (= Zeitung, Radio, Fernsehen) ist nicht der Urheber (= Landesregierung, Verantwortliche des Flughafens).

  • Die Ursache: Auf dem Hahn geht es drunter und drüber. Hohe Verluste, Machtkämpfe, Vorwürfe wegen Misswirtschaft und Mauscheleien … alles in allem: finstere Aussichten. Wir berichten, was ist.
  • Die Wirkung: Ist doch klar, dass Journalisten in solch einem Sumpf recherchieren und allerlei spannende Geschichten zutage fördern. Eine erzählt davon, wie der Landtagsabgeordnete Alexander Licht (CDU) aus Brauneberg „seinen“ Hunsrück-Handballern zu einem erklecklichen Sponsoring des Hahn verhilft. Oder zumindest davon Kenntnis hat, dass jährlich mehr als 40.000 Euro vom Flughafen an die HSG fließen. Eine schöne Sache für den Verein, für Herrn Licht aber ein bisschen peinlich. Denn er lässt keine Gelegenheit aus, die Hahn-Politik der rot-grünen Regierung zu attackieren und Managementfehler anzuprangern. Wenn der Hahn derart in den Miesen ist, darf dann des Steuerzahlers Geld verwendet werden, um Handballer zu unterstützen?! Das hat ein Gschmäckle. Jetzt hat Herr Licht angekündigt, dass er sich aus dem 01er Club (Sponsoren und Förderer der HSG) zurückzieht. Wir berichten, was ist.

Es ist ein uralter Reflex: Für missliebige Nachrichten wird der Bote beschimpft und abgewatscht, nicht der Verursacher. Edward Snowden, der berühmte Geheimdienst-Enthüller, sagte dieser Tage in seinem russischen Exil: „Die Gesellschaft, die in jene Falle geht, die als ,Bestrafung des Überbringens schlechter Nachrichten’ bekannt ist, wird schnell merken, dass es nicht nur keine Überbringer mehr gibt, sondern dass es überhaupt keine Nachrichten mehr gibt.“ Mal drüber nachdenken.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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1 Kommentar

  1. Ich möchte Herrn Reinhart hiermit meine absolute Zustimmung zu beiden Fällen geben. Hier werden nur Tatsachen einer breiten Öffentlichkeit kundgetan, einer Öffentlichkeit, die alleine die Kosten tragen muss für Verfehlungen gewisser Personen.

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