Dreimaster for sale

Maria Wagner aus Bernkastel-Kues schreibt: Am letzten Samstag traute ich meinen Augen kaum, als mir im TV frech entgegenprangte: „Ein Gassenhauer nach dem nächsten“ (Überschrift eines Artikels in der Lokalausgabe Mosel). Ich fragte mich, ob es bei meiner Zeitung Leute gibt, die nicht logisch denken können. Eigentlich müssten Redakteure doch gerade in Deutsch sehr gut sein, oder? Und lesen die Verantwortlichen ihre eigene Zeitung nicht? Fällt denn niemandem ein solcher Schwachsinn auf?

Ich habe diese tolle Logik ja schon einige Male gehört, aber so großartig in einer Zeitung noch nie gesehen. Wie kann eine Sache oder ein Ereignis nach etwas anderem kommen (oder sich ereignen), das noch gar nicht da ist???

Was sagen Sie dazu? Ich sage dazu „Wehret den Anfängen!“ Es braucht nur einer eine neue Wortschöpfung zu erfinden, schon plappern es alle nach, ohne den Sinn zu hinterfragen (zum Glück nicht alle, aber die wenigen anderen werden überrollt). Ich würde mich übrigens nicht besonders wundern, wenn der Herr Reinhart mir beweisen wollte, dass ich im Unrecht bin.

Eine kleine Anregung noch: Wie wäre es mit einer Rubrik, in der solche und ähnliche Irrtümer aufgedeckt werden, wie zum Beispiel „Ich habe mich erschreckt“ oder „Ich habe etwas aufgehangen“ oder „das Einzigste“? Oh, noch etwas sehr Schönes, das ein Politiker im Fernsehen zum Besten gab: „Die Denke, die dahinter steht …“ Ist das nicht putzig?

Liebe Frau Wagner,

vielen Dank für Ihre Zuschrift und die treffende Diagnose: Dummdeutsch, fortgeschrittenes Stadium, Punktum! Der alte Schopenhauer diktierte allen Wortarbeitern ins Anforderungsprofil: „Flüchtiger, nachlässiger, schlechter Stil“ bezeuge „eine beleidigende Geringschätzung des Lesers, welche dann dieser, mit Recht, durch Nichtlesen straft.“ Merkt’s euch, Leute!

Logisches Denken mündet nicht unbedingt in logische Rede – weil die Sprache, dieses vertrackte System, in sich unlogisch und chaotisch ist. Ein Dschungel voll Gefahr; hinter jedem Baum lauern Fehlerteufel und werfen Fallschlingen aus. Niemand ist davor gefeit, hineinzutapern und sich zu verheddern. Zu übermütig unterwegs? Unaufmerksam? Unwissend? Schnapp, gefangen.

Um Sprachkritik geht es in dieser Kolumne öfters. Die Frage, wer recht hat oder nicht, spielt keine Rolle (interessiert mich jedenfalls nicht). Viel spannender ist doch, zu ergründen, warum die Dinge sind, wie sie sind. Nehmen wir ein Beispiel: wie Wörter in die Welt kommen und sich verbreiten – egal ob sinnvoll, nützlich oder dödeldämlich.

Sale. Neudeutsch für Ausverkauf. Die Kaufhäuser locken. Summer Sale. Vor hundert Jahren hieß das Sommerwarenräumungsausverkauf. Fiel mir dieser Tage in einer historischen Anzeige auf, samt Zusatz: „Die Preise haben wir infolge großer Lagerbestände derart niedrig angesetzt, dass hiermit eine selten günstige Gelegenheit zu billigem Einkauf geboten wird.“ Heute also: Sale. Oder, noch kürzer: %. Ohne Worte.

Im Laufe eines Jahrhunderts haben sich fast dreißig Buchstaben verflüchtigt, der deutsche Bandwurm schrumpfte zum anglophilen Winzling. Wieso?

Zwei Gründe: weil das denglische Gedöns schwer in Mode ist, und weil die allgemeine Beschleunigung des Lebens sich auch in der Sprache niederschlägt. Weniger Zeit, kürzere Wörter – zack, zack.

In der jüngsten Ausgabe des Dudens stehen fünftausend Vokabeln, die es zuvor nicht gab. Andere sind ausgemustert worden. Was bleibt, was verschwindet? Das hat mit natürlicher Auslese zu tun, mit Darwinismus. Nur die fittesten (Wörter) überleben. Es existiert kein Sprachgott, der befiehlt, dass der Sommerwarenräumungsausverkauf fortan Sale zu nennen sei. Nein, Millionen von Sprachnutzern betreiben die Veränderung! Tag für Tag! Dabei mendeln sich ständig Neuschöpfungen heraus.

Der offiziell längste deutsche Terminus ist soeben abgeschafft worden. Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz. Ein Monster in 63 Buchstaben, gezeugt von Politikern in Mecklenburg-Vorpommern, vulgo Meck-Pomm, nun aussortiert, weil überflüssig.

Im Deutschen lassen sich Wörter beliebig verlängern. Hätte der Sommerwarenräumungsausverkaufspreisnachlassformularbeschaffungsbeauftragtenassistent eine Chance gegen den Sale(s)-Manager? Never ever.

Noch einmal Schopenhauer: Wer schreibe, möge gewöhnliche Worte gebrauchen, um ungewöhnliche Dinge zu sagen. Und zwar so kurz wie möglich; dreisilbige Wörter bezeichnet der Philosoph als Dreimaster, bei denen „man den dritten Mast zur Beförderung der Seetüchtigkeit kappen soll“. Ahoi!

Peter Reinhart

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2 Kommentare

  1. Hier hat sich leider ein kleiner Rächtschraibpfähler eingeschlichen: Statt „Sommerwarenräumungsausverkaufspreisnachlassformularbeschaffungsbauftragtenassistent“ muss es natürlich „Sommerwarenräumungsausverkaufspreisnachlassformularbeschaffungsbeauftragtenassistent“ heißen 😉

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