Der V-Effekt, ohne Tüttelchen

Michael Rost aus Trier schreibt:

Lieber Herr Reinhart, ich goutiere immer gerne Ihre Kommentare. Zum letzten Beitrag bezüglich einer auffälligen Koinzidenz zweier Leserbriefe sehe ich mich jedoch meinerseits zu einem Kommentar gedrängt.

Der Doppler-Effekt ist eine naturwissenschaftliche Größe in Bezug auf Bewegung hinsichtlich der eigenen Position; sei es die Tonhöhe (geräuscherzeugende Medien, der kommende oder sich entfernende Zug), die Farbe (sich nähernde oder entfernende Galaxien). Sie dagegen heben in Ihrem Kommentar ab auf die auffällige Gleichartigkeit zweier Zuschriften. Im Sinne des sprichwörtlichen „doppelt hält besser“ wäre es angebracht, vielleicht sogar notwendig gewesen, die Überschrift in Parenthese zu stellen = „Doppler-Effekt“; um eben zu verdeutlichen, dass Ihr notwendiger Kommentar mit dem feststehenden, definierten physikalischen Begriff nichts gemein hat. In Erwartung und Vorfreude auf weitere Kommentare Ihrerseits!

?Zur selben Kolumne meint Eberhard Hoos aus Trier:

Verehrtester, nur zur Sicherheit: Der Doppler-Effekt hat zunächst nichts mit „Verdopplung“ zu tun; der Name rührt von dem Physiker Doppler (1803-1853). Näheres in einschlägigen Lexika. Solidarische Grüße!

Lieber Herr Rost,

lieber Herr Hoos,

vielen Dank für Ihre Zuschriften. Gut beobachtet: Kommunikation ist immer das, was ankommt. Und wenn Sprache nicht das ist, was sie zu sein vorgibt, dräuen Missverständnisse.

Ich rupfe eine blaue Blume aus einer Wiese voller blauer Blumen und pflanze sie auf eine andere, auf der sonst nur gelbe wachsen. Schwuppdiwupp, schon wirkt die blaue Blume seltsam, exklusiv, irritierend; vielleicht hübscht sie die neue Umgebung auf; zumindest sticht sie ins Auge.

So ähnlich ist das, wenn Wörter umgetopft werden, um einen überraschenden Akzent zu setzen und aus dem gewohnten Einerlei auszubrechen. Lieber in Gänsefüßchen packen, damit der Leser merkt, dass etwas nicht stimmt? Ich mag diese Holzhammer-Methode nicht und verzichte meist darauf. So wie letztens beim Doppler-Effekt.

Warum?!

Es ging unzweideutig nicht um Physik, sondern darum, ein, nun ja, metaphysisches Phänomen zu analysieren: die mutmaßliche Gedankenübertragung zwischen zwei Leserbriefschreibern. Eine Merkwürdigkeit sondergleichen, der ich mich, Sie ahnen es, mit sanfter Ironie angenähert habe. Das Stilmittel: Verfremdung – der V-Effekt.

Anführungszeichen sind bei Zitaten und direkter Rede unerlässlich, zumal in wissenschaftlichen Arbeiten; stimmt’s, Herr „Dr.“ zu Guttenberg? Ansonsten dienen die Tüttelchen dazu, etwas hervorzuheben, sich zu distanzieren oder den Leser mit der Nase auf Doppeldeutigkeit zu stoßen. Der „Doppler-Effekt“ in der „Volksfreund“-Kolumne ist „nur“ eine „Metapher“ für unerklärliche „Vorgänge“.

Kann man so machen, jedoch: Der inflationäre Gebrauch von Gänsefüßchen stört den Lesefluss. Und: Pointen müssen sitzen, ohne extra Ankündigung wie: „Achtung, jetzt wird’s lustig, hihihi!“

Über das Thema debattieren Sprachgelehrte seit Jahrhunderten. Dichter wie Heine und Jean Paul forderten eine Art Warnhinweis zur Markierung von ironischen Wortspielen, andere wie der Aphoristiker Lichtenberg lehnten das strikt ab.

Und heute? Es wimmelt von Tüttelchen, Pünktchen, spiegelverkehrten Fragezeichen, eingeklammerten Ausrufezeichen (!), Emoticons wie dem zwinkernden Smiley 😉 und dergleichen.

Weniger ist mehr. Ironie-Signale entziehen dem Ironischen die Ironie.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

 

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