Zwinker, zwinker

Manfred Nolting aus Neuerburg schreibt: Die Vorberichte zum Champions-League-Finale in London finde ich völlig überzogen. Tagelang musste ich in fetten Lettern lesen: „Wir hauen die Bayern weg …“ und „Wir hauen die Borussia weg …“ Der Verdacht, dass der TV sich immer mehr der Bild-Zeitung annähert, hat sich mal wieder bestätigt.

Eine Zeitung wie der Volksfreund sollte doch bemüht sein, ihre Ausdrucksweise und Formulierungen im Zusammenhang mit Fußball zu mäßigen. Es ist doch wirklich nicht in Ordnung, wenn immer wieder solche Ausdrücke wie „Wir hauen …“ in der Presse zu lesen sind. Sie sollten bedenken, dass es genug sogenannte Fußballfans gibt, die nicht unterscheiden können und für die solche Formulierungen nur noch Benzin ins Feuer des Fanwahnsinns sind. Viele Probleme entstehen so, ohne es zu beabsichtigen; auch in hiesigen Ligen auf Kreisebene gibt es genügend Probleme.

Lieber Herr Nolting,

vielen Dank für Ihre Mail. Das kann man so sehen – aber auch ganz anders. Ich will erklären, was sich die Redaktion dabei gedacht hat. Da wäre: eine nie dagewesene Konstellation (deutsch-deutsches Endspiel in der Champions League). Des Weiteren: riesiges Interesse der Leser an noch so kleinen Informationshäppchen (die ganze Nation, na ja: die halbe, diskutierte tagelang, wer wohl gewinnen wird). Und: Dortmund-Bayern auf allen, wirklich allen Kanälen.

Was also tun, wenn eigentlich nichts zu berichten ist, außer dass die Gelben gegen die Roten an einem Samstagabend im Mai um den Henkelpott kicken? Wenn das winzige Angebot an Neuigkeiten die gewaltige Nachfrage nicht deckt?

Bewährte Journalisten-Taktik: Man lässt sich etwas einfallen. Beim Volksfreund – neben den Bulletins aus den Lagern der Borussen und der Bayern, die von Tausenden Medien durchgehechelt werden – vor allem: Stoff aus der Region. Das Fan-Duell (in dieser Form noch nie ausprobiert), eine Schmunzelgeschichte über die Eheleute Berg aus Wehlen (er glühender Bayern-Fan, sie treue Dortmund-Anhängerin), das Toppmöller-Interview …

Fußball ist eine hochgradig emotionale Angelegenheit.

Man kann über das Spiel der Spiele im Stil des Philosophen Jean-Paul Sartre dozieren („Der gute Tormann wird als gemeinsames Individuum spezifiziert, insofern er sich in der Zukunft durch seine vergangenen Aktionen als fähig erwiesen hat, mehr zu tun, als auf dem normalen Niveau der Organisation von jedem verlangt wird …“). Anspruchsvoll, aber bizarr.

Man kann nusstrocken die Fakten hubern, Mannschaftsaufstellungen herunterbeten und abwarten, dass etwas passiert. Politisch korrekt, aber dröge.

Man kann versuchen, die Gefühle und Gedanken zu transportieren, die Millionen Menschen umtreiben, und so zu schreiben, wie Fußball-Deutschland eben redet. Ein bisschen derb, ein bisschen vulgär, ein bisschen machomäßig – mit einem Augenzwinkern, ohne Blutgrätschen und grobe Fouls.

Heiko Schmitz, erster Vorsitzender der Beastie Hornets aus Neuheilenbach, zum selben Thema: Im Namen unseres Borussia-Dortmund-Fanclubs möchte ich mich beim TV für die tolle Fanaktion im Vorfeld des Champions-League-Endspiels und der damit verbundenen Vorfreude bedanken. Selbstverständlich gebührt den Gewinnern eine Gratulation. Herzlichen Glückwunsch dem FC Bayern München und seinen Fans! Es war ein tolles Finale mit zwei Top-Mannschaften auf Augenhöhe. Stellvertretend für alle Borussia-Fans freuen sich die Beastie Hornets bereits jetzt auf ein Wiedersehen – hoffentlich 2014 in Lissabon.

Gratulation an die Gewinner und vielen Dank an den TV: Es hat Spaß gemacht, verbal gegen die Fans des FCB anzutreten.

Lieber Herr Schmitz,

ich gebe das Kompliment gerne zurück: ein großartiges Duell, gefeiert von großartigen Fans – Fortsetzung folgt!

Johannes Binsfeld aus Trier fragt, ebenfalls zum Sportteil: Wie erklären Sie bitte die Schleichwerbung für den Sportschuh „Nike Free“ in Wort und Bild auf Ihrer Fitness-Seite vom 23. Mai? Wird diese Art von „Journalismus“ vom TV gutgeheißen? Haben Sie gegenüber Ihren Lesern nicht eine Verantwortung, die solcher Schleichwerbung widerspricht?

Lieber Herr Binsfeld,

danke für den Hinweis. Kleines Foto, großer Mist: Es war überflüssig, im Beitrag über die Barfußläufer auf die vermeintlichen Vorzüge eines Nike-Schuhs hinzuweisen. Da haben wir nicht aufgepasst, Entschuldigung!

Produktinformationen (kritisch hinterfragt) sind erlaubt, werbliche Jubelarien nicht. Die Redaktion achtet für gewöhnlich auf die Trennschärfe. Allzu plump inszenierte Sponsor-Spektakel werden aussortiert.

Obacht, das Reklame-Risiko lauert überall! Die Outfits von Fußballern, Eishockeyspielern oder Autorennfahrern sind mit Logos zugepflastert, Bandenwerbung drängt dreist ins Bild. Aus Sicht der Profis und ihrer Finanziers verständlich, aus der Perspektive neutraler Beobachter oft grauslig und aufdringlich.

Generell: Die Infiltration von Werbe-Botschaften ins Nachrichtengeschäft nimmt zu. Denken Sie an den Stratosphärenspringer Felix Baumgartner, der sich für seinen Arbeitgeber Red Bull vom Himmel stürzte: mediales Bohei ohne Ende = Marketing im Gegenwert von angeblich sechs Milliarden Euro.

Die Berliner tageszeitung (taz) macht Werbung auf Sportfotos unkenntlich. Ein rührendes Experiment. Pixelei verfälscht das Bild der Wirklichkeit und lenkt die Aufmerksamkeit erst recht auf die unscharfe Zone, auf die Leibchen von Ribery und Robben und Reus …

Was lernen wir aus all dem? Wachsam bleiben!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Veröffentlicht inAllgemein

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