Wortwitz und Witzwort

Ich habe nichts gegen neue Wörter, sagt Frau M., aber manchmal weiß ich wirklich nicht, was sie bedeuten sollen. Mit den englischen Begriffen tue ich mich schwer. Und jetzt habe ich ein paar Mal etwas vom „Merkeln“ gehört – was ist das denn?!

Liebe Frau M.,

vielen Dank, ein schönes Thema. Die Sprache ändert sich ständig. Neue Wörter kommen auf, um Dinge zu bezeichnen, die es früher nicht gab. Andere verschwinden, weil man sie nicht mehr braucht.

Das Deutsch der Luther-Zeit um 1500 klingt in unseren Ohren befremdlich, und die Menschen im Jahr 2500 werden unser denglisch vermengtes Gebrabbel vermutlich für einen klingonischen Dialekt halten.

Alles ganz normal. Was die Gegenwart von früheren Epochen unterscheidet: Nie wandelte sich der Wortschatz so blitzartig wie heute. Das liegt am Internet; jeder kommuniziert mit jedem, öffentlich, und Neuschöpfungen verbreiten sich rasend schnell.

Ein auffälliger Trend: Immer öfter tauchen Begriffe auf (meist Verben), die von Prominenten (meist Politikern) abgeleitet sind – angeblich typische Verhaltensweisen oder Eigenschaften der Namensgeber:

  • merkeln: sich nicht festlegen, zuwarten, taktieren, Entscheidungen hinauszögern (der vermeintliche Regierungsstil von Kanzlerin Angela Merkel).
  • wulffen: jemandem wütende Sprüche auf die Mailbox quatschen (nach Ex-Bundespräsident Christian Wulff, der dem Boss der Bild-Zeitung drohte).
  • guttenbergen: abschreiben (nach Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der seine Doktorarbeit fälschte).
  • den Lafontaine machen: sich Hals über Kopf verkrümeln (nach Oskar Lafontaine, der im März 1999 als Bundesfinanzminister und SPD-Chef hinwarf).
  • schrödern: Basta-Politik in Macho-Manier (nach Ex-Kanzler Gerhard Schröder).
  • stoibern: sich stotternd, ähh, den Transrapid vom Hauptbahnhof, ähh, in zehn Minuten, vorstellen und, ähh … (nach dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten und großen Rhetoriker Edmund Stoiber).
  • den Kohl machen: sich auf sein Ehrenwort berufen, um krumme Geschäfte zu vertuschen (nach Ex-Kanzler Helmut Kohl, der partout nicht sagen will, woher die jahrelang illegal von der CDU kassierten Parteispenden stammen; im Gegensatz zu: den Kohl fett machen).
  • und so weiter: riestern, södern, westerwellen, abwaigeln, adenauern, hartzen … und jetzt:
  • hoeneßen: den Moralapostel spielen, aber das Finanzamt betuppen (nach Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern München).

Manche der aus Jux und Dollerei gezeugten Neologismen nisten sich in der Alltagssprache ein, andere sorgen kurzzeitig für Erheiterung, bevor sie sich verflüchtigen – weil sie doof sind. Oder sinnfrei.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Veröffentlicht inAllgemein

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1 Kommentar

  1. Lieber Herr Reinhart,

    ihr Schreibungsstilo gefällt mir sehr.

    Wenn Sie mögen, sende ich Ihnen gerne ein Exemplar „Geschichte in Reh“. Ein Wortklamauk um die Wortsilbe re, welche häufig im deutschem Worttum vorkommt.

    Freundlichst
    Gar Niemand

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