Sein oder Nichtsein

Eugen Ludwig aus Reinsfeld schreibt: Warum kann sich eine Zeitung nicht mal grundsätzlich für eine Richtung entscheiden (für die richtige, nicht für die falsche) und in der Berichterstattung dabei bleiben? Oder ist die richtige Richtung nicht klar?

Ansonsten ist die Zeitung beliebig und macht sich unglaubwürdig. Weil sie wie eine Fahne je nach Windrichtung weht. Mal berichten Sie in die eine Richtung (in die falsche), mal in die andere (in die richtige). Nehmen Sie es mir nicht übel. Aber wenn ich mich in der Öffentlichkeit so gegensätzlich äußern würde – die Leser erklärten mich für verrückt! Wenn ich sagen würde, schwarz ist nicht schwarz, sondern weiß. Und weiß ist nicht weiß, sondern schwarz. Also genau das Gegenteil von dem, was richtig ist, was würden Sie dann sagen? Der hat sie nicht mehr alle. Und da hätten Sie recht …

Lieber Herr Ludwig,

vielen Dank für Ihren Brief. Sie reißen ein spannendes Thema an. Was ist richtig? Was ist falsch? Das lässt sich leicht klären, oder? Schwarz ist schwarz und weiß ist weiß. Wenn es doch so einfach wäre!

Die allermeisten Fragen, mit denen uns das Leben konfrontiert, mit denen wir uns beschäftigen und die wir in der Zeitung verhandeln, sind nicht kategorisch mit richtig oder falsch zu beantworten, nicht mit ja oder nein, nicht mit wahr oder unwahr. Das Ergebnis lautet oft: nicht schwarz, nicht weiß, sondern irgendetwas dazwischen.

Das liegt wohl daran, dass es die eine, die absolute Wahrheit nicht gibt. Ihre Wahrheit, lieber Herr Ludwig, ist womöglich eine andere als meine Wahrheit. Die Philosophen suchen seit Jahrtausenden nach einer Antwort auf diese Frage aller Fragen. Bei Aristoteles zum Beispiel klingt das so: „Zu sagen nämlich, das Seiende sei nicht oder das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nichtseiende sei nicht, ist wahr. Wer also ein Sein oder Nicht-Sein prädiziert, muss Wahres oder Falsches aussprechen. […] Nicht darum nämlich, weil unsere Meinung, du seiest weiß, wahr ist, bist du weiß, sondern darum, weil du weiß bist, sagen wir die Wahrheit, indem wir dies behaupten.“

Selbst wenn man glaubt, die Wahrheit gefunden zu haben, kann sie sich eine Woche, einen Monat, ein Jahr danach als falsch herausstellen – weil die Dinge aus der zeitlichen Distanz anders gedeutet werden. Alles fließt. Man steigt nie zweimal in denselben Fluss.

Journalisten bemühen sich, die Fakten einer Geschichte so objektiv wie möglich aufzuschreiben und sich der Wahrheit anzunähern. Wer Texte liest, interpretiert zugleich und entdeckt vielleicht Aspekte, die von der Wahrheit des Autors abweichen. Ganz schön vertrackt!

Eine Zeitung, die nur eine Richtung kennt, ihre Leser also in eine Einbahnstraße schickt, schafft die Meinungsvielfalt ab – denken Sie an totalitäre Regime, deren Machthaber einzig ihre Sicht auf die Welt zulassen (legendär die sowjetische Prawda, zu Deutsch: Wahrheit).

Äußerst hilfreich gegen jede (geistige) Diktatur: die Freiheit des Denkens, der unbegrenzte Austausch von Informationen – ohne Tabus, so wie wir das beim Volksfreund halten.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Veröffentlicht inAllgemein

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1 Kommentar

  1. …diese Frage erübricht sich, denn Presse ist immer auch abhängig von den jeweiligen Meinungen der Geldgeber… also nix mit eigener Meinung.
    So ist das leider in einem sozialen Staat der vom Geld regiert wird.

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