Adam, Eva, die Schlange … und Uli!

Heinz Stroh aus Lösnich meint zum Leserbrief „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ (TV vom 27./28. April): Ein super Schrieb, diese Zuschrift von Erwin Marmann aus Burg an der Mosel. Beim genauen Lesen für jeden etwas dabei, es müsste mehr solcher Schreiber geben!

Lieber Herr Stroh,

vielen Dank für Ihre Mail. Ganz Deutschland diskutiert über den Fall Hoeneß. Die Menschen sind irritiert, erschüttert, verärgert, sie reden sich die Köpfe heiß und schreiben pointierte Leserbriefe, während die Medien immer neue Details der Steuer-Affäre enthüllen.

Der ungebremste Absturz des Bayern-Bonzen aus der ersten Liga der honorigen Leute mitten hinein in die fauligen Sümpfe der Lügner und Betrüger – eine große, nie dagewesene Erzählung, die offenkundig den Nerv des Publikums trifft.

Die einen verteidigen den Delinquenten, die anderen verurteilen ihn. Pro und Kontra, zu meiner großen Freude auch hübsch zugespitzt in den Zuschriften der Volksfreund-Leser zu finden.

Auffällig an all den Meinungsbeiträgen und Berichten: Je nachdem, wie die Verfasser zu Uli Hoeneß stehen, ändert sich die Sprache, die Tonalität.

In Dur hämmern die Hoeneß-Kritiker harte, negativ besetzte Attribute heraus: Krimineller, Asozialer, Gefängnis.

In Moll streicheln die Hoeneß-Getreuen über flauschige, positiv anmutende Vokabeln: Flüchtling, Paradies, Kavalier.

Bei den Weichspülern verblüfft die Häufung von tränendrüsigen Metaphern aus der Bibel. Schauen wir uns die Wolke der Gut- und Schön-Wörter (die Sprachwissenschaftler sagen dazu: Euphemismen) mal genauer an.

Steuerflüchtling: ein armer, verwirrter Verfolgter, weckt Mitleid und Beschützerinstinkte!

Steuersünder: Fehler gemacht, bereut, gebüßt, fünf Vaterunser und zehn Ave Maria, gut ist’s.

Steueroase: das blühende Leben, drumherum Wüste, ein Ort der Fruchtbarkeit, Erholung und Beschaulichkeit, wer wollte nicht hier sein?

Steuerparadies: der schönste Platz, den man sich denken kann. Und was soll schon passieren? Adam und Eva pflücken den Apfel, verführt von der Schlange, sie werden aus dem Garten Eden verjagt – doch wenn sie brav sind, kehren sie am Jüngsten Tag zurück.

Kavaliersdelikt: bestimmt nix Arges, das Wort steht ursprünglich für die Verfehlungen von Adligen – unbedeutende Kinkerlitzchen, kaum der Rede wert. Zum Beispiel, ein Kind mit einer Frau niedrigen Standes zu zeugen. Pah! Derlei führt selbstverständlich nicht zum Verlust der Ehre, wegen solcher Petitessen verliert ein Edelmann doch nicht seinen Ruf als Kavalier!

Die Beispiele zeigen, was Wörter bewirken können: Eine schlimme Sache klingt gleich viel weniger schlimm, wenn Euphemismen zum Einsatz kommen. Wörter, die beschönigen, verbrämen, mildern. Wörter, die verhüllen, tarnen, vertuschen. Oft unbedacht benutzt, weil jeder sie kennt, weil sie uns ständig in den Zeitungen oder Fernsehnachrichten begegnen, weil jeder sie nachplappert.

Ein Steuersünder, der wegen eines Kavaliersdelikts aus dem Paradies verbannt wird? Na und: Mia san mia.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Veröffentlicht inAllgemein

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.