Rickeracke mit Geknacke

Eberhard Hoos aus Trier schreibt zur Presseschau vom 28. November auf Seite zwei: Der Pleitegeier, der immer mal wieder kreist oder, wie diesmal, verscheucht wird, ist kein Fall für die Ornithologie. „Pletja“ (es gibt verschiedene Schreibweisen) bedeutet im Jiddischen so viel wie „Flucht“, und ein „Geier“ ist einfach ein „Geher“. Ein „Pleitegeier“ ist also jemand, der (vor seinen Gläubigern) wegläuft!

Lieber Herr Hoos,

vielen Dank für Ihren Hinweis. Sie liefern ein hübsches Beispiel dafür, wie sich die Bedeutung von Wörtern im Lauf der Jahrhunderte ändern kann. Es ist, als würden wir Sprachnutzer sie in einer stetig klappernden Mühle mahlen, schleifen, schroten. Rickeracke, rickeracke mit Geknacke. Dabei verliert sich mitunter der ursprüngliche Sinn und ein ganz neuer entsteht. Wie beim Pleitegeier, der längst zum Alltagsvokabular gehört. Auch wenn kaum jemand weiß, woher das Wort stammt, begreift doch jeder, was damit gemeint ist. Das ist das Schöne an Metaphern, an Sprachbildern. Sie helfen uns, komplizierte Vorgänge und komplexe Sachverhalte zu vermitteln und Unverständliches in Verständliches zu übersetzen.

Der legendäre Verleger Joseph Pulitzer (1847 bis 1911) notierte: Schreibe kurz, und sie werden es lesen, schreibe klar, und sie werden es verstehen, schreibe bildhaft, und sie werden es im Gedächtnis behalten.

Der kreisende Pleitegeier – das ist Kino im Kopf. Wie ein Film, der abläuft und eine Vorstellung auslöst. Viel eingängiger als, sagen wir mal, dröge Zahlenkolonnen über die Verschuldung der siechen Griechen. Metaphern, diese Gedankenbrücken ins Gehirn, begegnen uns andauernd. Ich habe bis hierhin vier in diesen Text eingebaut: die klappernde Mühle; das Kino im Kopf; die Gedankenbrücke ins Gehirn, die siechen Griechen.

Je schwieriger die Materie, desto mehr Erklärungskunst ist gefragt. Denken Sie an die Finanzwelt: Was sich an den Börsen tut, bleibt für Außenstehende oft rätselhaft. Also greifen Beobachter und Berichter auf rhetorische Hilfsmittel zurück: Da ist die Rede von Bullen und Bären, von Boom und Crash, von Spekulationsblasen, die platzen, von Aktien, die abstürzen, und wenn’s ganz traurig wird, vom Schwarzen Freitag. Ähnlich die Verlautbarungen zur Konjunktur: Die Wirtschaftsweisen erläutern den Laien, dass der Motor stottert, dass sich eine Delle abzeichnet oder ein Tal, dass das Barometer auf Überhitzung oder Abkühlung deutet.

Bildhaft. Kapiert jeder. Zuviel aber schadet. Ich habe es bewusst übertrieben: Mühle-Kino-Brücke … Wer wahllos ein Bild neben das nächste hängt oder ständig dieselben Bilder übereinander stapelt, langweilt sein Publikum. Dann klingt die zum x-sten Mal verwendete Metapher wie eine hohle Phrase, und der vermeintlich schnieke Stil wie Papageien-Deutsch. Aber das ist eine andere Geschichte.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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