Das Comeback des Handschuhfachs

Eine Dame aus der Eifel schreibt: Ich amüsiere mich königlich, wenn Sie sich in Ihrer Kolumne mit dem „denglischen Gemeng“ beschäftigen. Machen Sie doch mal wieder etwas dazu. Bitte meinen Namen nicht veröffentlichen!

Liebe Frau ***,

sehr gerne, Beispiele finden sich zuhauf. Etwa dieses: Neulich flatterte ein Brief von Martin Winterkorn, dem Boss von VW, auf meinen Tisch. Eine Einladung nach Paris. Zur Volkswagen Group Night am Vorabend des dortigen Automobilsalons. Beigefügt eine Check-in-Karte. Nähere Informationen auf einer Hotline. Und so weiter.

Nun ja, VW ist eine Firma, die ihre Autos überall verkauft. Die muss international aufgestellt sein, auch sprachökonomisch. Am Käfer lässt sich das schön aufzeigen. So hieß er früher, in Deutschland. Anderswo Beetle, Vocho, Coccinelle, Fusca oder Maggiolino. Übrig geblieben ist nur das englische Wort.

Wenn Volkswagen heute vom „berühmtesten Auto der Welt“ erzählt, ist die Rede vom Ur-Beetle (gemeint ist der Käfer anno 1938, offiziell: KdF-Wagen, Kraft durch Freude …), vom New Beetle, neuerdings vom The 21st Century Beetle. Was der nicht alles hat und kann, glaubt man den Werbefuzzis! Ikonisches Design. Fun. Allerlei sagenhafte Features. Sogar das Handschuhfach feiert ein Comeback. Seriously. Boah, ey!

Einst war die Volkswagen-Werbung puristisch: Er läuft und läuft und läuft. Der Käfer. Ein einprägsamer Claim, ohne Schnickschnack.

Wer noch ein Original fährt, hat es vermutlich als Oldtimer angemeldet. So bezeichnen die Engländer alte Menschen, die Deutschen alte Autos. Hmm. Ein Schein-Anglizismus, once more (einmal mehr). Die Werbung ist voll davon. Das denglische Anbiederungsfieber grassiert. Fundstücke aus Anzeigen und Spots von Auto-Herstellern, willkürlich zusammengestellt: Blue Efficiency. Greenline. Blue-Motion. Efficient Dynamics Edition. Intelligent Light System. Keyless-Go-Paket. Attention Assist. Perfect Tool. Der erste Van mit Flex-Appeal. All the proof you need. Guaranteed.

Genug des Bashings (= öffentliche Beschimpfung), Schluss mit dem Mobben (= anpöbeln, bedrängen, angreifen) der Deutsch-Demolierer. Soll doch jeder Vogel singen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist!

Die Sprache verändert sich, weil die Erde sich dreht und wir neue Wörter benötigen, um Dinge zu benennen, die es bislang nicht gab. Dabei bedienen wir uns (auch) in den Weltsprachen. Im Mittelalter Latein, später Französisch, nun Englisch. Manchmal übertreiben wir maßlos. Siehe oben. Ansonsten ist das alles ganz normal. Ebenso wie die Skepsis vor dem Fremden oder gar die Sorge, dass die deutsche Sprache stirbt, wie einige Wächter der reinen Lehre munkeln. In unseren Tagen wie vor Jahrhunderten. So jammerte der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), ein Vordenker der Aufklärung:

„Anitzo scheinet es, daß bey uns übel ärger worden und hat der Mischmasch abscheulich überhand genommen, also daß die Prediger auf der Canzel, der Sachwalter auf der Canzley, der Bürgersmann im Schreiben und Reden, mit erbärmlichen Französischen sein Teutsches verderbet; mithin es fast das Ansehen gewinnen will, wann man so fortfähret, und nichts dargegen thut, es werde Teutsch in Teutschland selbst nicht weniger verlohren gehen, als das Engelsächsische in Engelland.

Gleichwohl wäre es ewig Schade und Schande, wenn unsere Haupt- und Helden-Sprache dergestalt durch unsere Fahrlässigkeit zu Grunde gehen sollte, so fast nichts Gutes schwanen machen dörfte; weil die Annehmung einer fremden Sprache gemeiniglich den Verlust der Freyheit und ein fremdes Joch mit sich geführet.“

Dreihundert Jahre später: Man spricht Deutsch, immer noch. Und der Disput über den Verfall der Sprache? Er läuft und läuft und läuft …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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