Roter Ritter, schwarzer Ritter

Unabhängig? Überparteilich? Pah! Von wegen! Immer wieder bezweifeln Leser, dass der Volksfreund hält, was er verspricht: nämlich keiner politischen Gesinnung verpflichtet zu sein, keiner wirtschaftlichen Macht, keiner Religion. Die Bewertung wechselt, ganz offenkundig, mit der Perspektive des Kritikers. So kommt es vor, dass ein und derselbe Beitrag als Beweis dafür angeführt wird, die Zeitung sei rot oder schwarz.

Wir haben dieses Thema (ein Lieblingsthema unserer Leser!*) schon des Öfteren diskutiert; ich will Sie nicht mit Wiederholungen langweilen. Daher für diesmal ein Beispiel: Zwei Leser, zwei Meinungen zu einem „Standpunkt“ von Isabell Funk (TV vom 8./9. September) und zu der Zuschrift „Alles ganz nett, aber sicherlich nicht das, was dieses Land primär braucht“ von Ralph Zedler (TV vom 15. September). Der Einfachheit halber verleihe ich den Kombattanten die Ehrennamen „roter Ritter“ und „schwarzer Ritter“.

Helmut Deininger aus Trier (roter Ritter):

Der Leserbriefschreiber trifft genau ins Schwarze. Mit dem Standpunkt „Frech wie Klöckner“ hat die Chefredakteurin einen der Standpunkte des TV verlassen, nämlich den der Überparteilichkeit. Sie musste ihr Inneres nach außen kehren und eine Lobeshymne auf CDU-Landeschefin Julia Klöckner loslassen.

Aber was hat Frau Klöckner geleistet? Der Text ihrer Rede war ihr praktisch vorgegeben. Kurt Beck hatte bereits erklärt, dass die Landesregierung sich bei der Absicht, in der Region Nürburgring viele Arbeitsplätze zu schaffen, verhoben hat und um Entschuldigung gebeten.

Das konnte Frau Klöckner ausschlachten, war aber nichts Neues. Für den weiteren Text ihrer Rede (oder sollte man es Suade nennen) musste sie nur eine Anleihe bei den fast unzähligen, einschlägigen Kommentaren und Artikeln von Volksfreund-Korrespondent Frank Giarra machen, und fertig ist die Rede.

Bei einem einigermaßen rhetorischen Talent hätte das ein Hinterbänkler gekonnt. Auch er hätte sich wie Frau Klöckner keine eigenen Gedanken über umsetzbare Vorschläge machen müssen. Der Weg, den die Regierung gegangen ist mit der freiwilligen Insolvenz, scheint erfolgreich zu sein.

Das gefällt natürlich Herrn Giarra, dem Alexander Dobrindt des TV, nicht. Da muss er sich andere Themen suchen, um das Wort „Nürburgring“ unterzubringen. So geschehen im Kommentar „Die Prinzessinnen der SPD“. Scheinheilig wird den Damen die Absolution in der Sache „Nürburgring“ erteilt, obwohl Damian Schwickerath kurz zuvor sogar die ganze SPD für schuldig erklärt hat. Es soll nur Zwietracht gesät werden. So geht es mit dem überparteilichen Herrn Giarra immer weiter. Er musste Minister Lewentz eine Pleite des Flugplatzes Hahn andichten; dabei stellte er sich schützend vor den hessischen CDU-Landtagsabgeordneten Riedel, der widerrechtlich Informationen aus dem Hahn-Aufsichtsrat als Hilfe für Frau Klöckner ausplauderte.

Jetzt fehlt nur noch, dass Herr Giarra dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Hering die Schuld dafür anhängt, dass die unzähligen Gipfel zur Euro- und Finanzkrise bisher erfolglos sind. Mir bleibt trotz alledem die Hoffnung, dass sich der Volksfreund wieder auf seine Überparteilichkeit besinnt. Sonst kann man nur empfehlen: nicht mehr ernst nehmen.

Herbert Franzen aus Gerolstein (schwarzer Ritter):

Ich bin verärgert über die ungleiche Behandlung von politischen Affären durch den TV: Die Leserbriefaktion „SPD-Mega-Pleite Nürburgring“ – also die größte Affäre des Landes – wurde bereits nach kaum zwei Wochen vom TV für beendet erklärt. Dagegen wurden die vergleichsweise kleinen Fehler der CDU (Böhr, Billen, Rauen, zu Guttenberg, Wulff) mit Mega-Kampagnen über Jahre und Monate mit Leserbriefen und deren Wiederholungen in Gang gehalten.

Deshalb ist es nicht überzeugend, wenn mein sachlicher, mit Fakten begründeter Leserbrief zum Misstrauens-Votum mit „inhaltlich nichts Neues“ abgelehnt wird. Dagegen veröffentlicht der TV den unsachlichen Brief von Ralph Zedler (keine Fakten, sondern unwahre und unbewiesene Behauptungen, Anschuldigungen sowie Beleidigungen der Parteichefin Julia Klöckner). Mein Brief war als Kontra bestens geeignet. Doch der TV hat diese übliche Praxis nicht angewandt.

Zunächst hat Herr Zedler der Chefredakteurin – trotz deren sachlicher und objektiver Kolumne „Frech wie Klöckner“ – eine „hinterlistige Wahlwerbung für die CDU“ unterstellt und sie als „eine messianisch Entsandte der Julia Klöckner“ herabgewürdigt. […] Dann behauptet Herr Zedler unbewiesen: „Frau Klöckner hat sich in den letzten Jahren nur durch plumpe Diffamierung ihres Gegners zu profilieren versucht.“ Wenn er diese schwere Anschuldigung nicht beweisen kann, hat er durch seine verleumderische Äußerung eine üble Nachrede unter die Leute und Frau Klöckner in üblen Ruf gebracht. Diese ehrverletzende Tatsache würde gegen die journalistischen Richtlinien verstoßen und könnte ein juristisches Nachspiel haben. […]

Lieber Herr Deininger,

lieber Herr Franzen,

vielen Dank für Ihre wie immer engagierten Beiträge. Rot oder schwarz? Ich sage: unentschieden. Was zu beweisen war.

Per Definition (Wikipedia) meint Überparteilichkeit im weitesten Sinne: Neutralität und Unabhängigkeit. Im engeren Sinne: über den Parteien zu stehen beziehungsweise nicht von ihnen abhängig zu sein.

Genau das beherzigt die Redaktion dieser Zeitung: Kein Politiker diktiert, was ins Blatt gehört und was nicht, kein Wirtschaftsboss redet rein, kein Kirchenmann. Niemand. Stattdessen: kritische Distanz der Berichterstatter gegenüber allen Farben.

Liebe oder Hiebe: Mal trifft’s die roten Ritter, mal die schwarzen. Weil es stets um die Sache geht und nicht darum, im Namen einer Partei zu agitieren.

P.S.: In den vergangenen zwei Monaten haben wir dreißig Leserbriefe zum Streit um den Nürburgring, zum Misstrauensvotum, zur politischen Verantwortung abgedruckt (darunter jeweils einer von Ihnen, Herr Deininger, und einer von Ihnen, Herr Franzen). Weitere Gelegenheiten ergeben sich – wann immer Neues zu vermelden ist. Bleiben Sie kritisch. Danke.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Lesen Sie zum Thema in diesem Blog: Die Meinung ist frei; Das Grundgesetz; Schneisen im Dschungel; Die Partei der Leser; Nicht in eigener Sache; Kampagnen-Reiter; Silbriger Glanz; Lob und Tadel; Der größte gemeinsame Nenner; Empörung auf Knopfdruck; Werch ein illtum!; Fremde Federn; Liebe Wutbürger …; Macht, Medien und Moral; Der Hase mit der Schrotflinte; Gib dem Affen Zucker.

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