Klarheit und Wahrheit

Alfred Schilz aus Trier meint: Den Bericht über die Verurteilung eines Mörders auf der ersten Seite der TV-Ausgabe vom 8./9. September nehme ich zum Anlass für dieses Schreiben. Zuvor aber noch eine Verständnisfrage: Ist „Arbeitsloser“ in Verbindung mit dem Verbrechen eine Berufsbezeichnung? Oder soll dem einst so hochgehaltenen Begriff des „gesunden Volksempfindens“ mit einem Hinweis auf „Nichtarbeitende“ wieder auf die Sprünge geholfen werden?

Nach meinem Rechtsverständnis ist das Rufmord an all denen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen ohne Arbeit sind. Damit dem Leser klar wird, dass Ihr Blatt keine Unterschiede zulässt, schlage ich vor, künftig im Zusammenhang mit kriminellen Handlungen den „stressgeplagten Arzt“, den „überarbeiteten LKW-Fahrer“, den „bettelarmen Zahnarzt“ oder den „termingeplagten Manager“ in ähnlicher Weise anzuführen.

Immer wieder sind derartige Ausrutscher, die ja in Wirklichkeit einem versierten Artikelschreiber nicht passieren dürften, auszumachen. Ich hätte den erwähnten Mörder ganz einfach Dealer, User, Konsument oder ähnlich genannt, denn nichts anderes ist er und war er auch zur Tatzeit nicht. Dass er gemordet hat, ist seinem versauten Innenleben zuzuschreiben, ganz bestimmt aber nicht, weil er zur Tatzeit ohne Arbeit war.

Es gibt einfach eine Reihe von Zeitungen, bei denen, wenn man sie aufmerksam durchliest, der Begriff „Mängelexemplar“ eine völlig neue Bedeutung bekommt.

Lieber Herr Schilz,

vielen Dank für Ihren Brief. Sie werfen einige spannende Fragen auf, die nicht mit richtig oder falsch zu beantworten sind, nicht mit ja oder nein, nicht mit wahr oder unwahr – sondern bei denen viele Zwischentöne anklingen: im Prinzip ja, aber …; oder: eigentlich nicht, obwohl …

In der Kriminalitäts- und Gerichtsberichterstattung ist von Fall zu Fall zu entscheiden: Was muss, was soll, was kann, was darf veröffentlicht werden – und was nicht? Wie ist das allgemeine Informationsinteresse einzuschätzen? Wie verhält es sich mit den Persönlichkeitsrechten von Tätern, Opfern, Zeugen? Sind sie identifizierbar? Besteht die Gefahr einer Diskriminierung von gesellschaftlichen Minderheiten, Ethnien oder religiösen Überzeugungen? Und dergleichen.

Kompliziert wird das Ganze, weil wir es mit unterschiedlichen Zielen und Erwartungen zu tun haben. Da wären erstens die Journalisten; sie bemühen sich, so authentisch, so interessant, so objektiv wie möglich zu berichten, was in der Welt vorgeht. Zweitens das Publikum; es hofft, im Medium seiner Wahl die bedeutsamsten Nachrichten zu erfahren, die spektakulärsten Neuigkeiten, die packendsten Geschichten. Und drittens diejenigen, von denen und über die gesprochen wird, die unmittelbar Beteiligten an einem, sagen wir: Mordprozess; sie zieht es, von einigen Star-Anwälten abgesehen, selten freiwillig ans Licht.

Nun ist im Presserecht einigermaßen abgegrenzt, welche Details aus Gerichtssälen oder Ermittlungsakten für die mediale Aufbereitung freigegeben und welche gesperrt sind. Mit Spielraum zur Interpretation.

Nicht erlaubt: Nennung von Namen, Bemerkungen zur ethnischen Zugehörigkeit oder Religion.

Erlaubt: Angaben zu Alter, Beruf, Ort.

Das ist die Regel; aber keine Regel ohne Ausnahme. Wenn ein islamistischer Terrorist in einem Einkaufszentrum in Berlin eine Bombe zündet, ist zu klären, ob der Hass auf die westliche Lebensart seinem Glauben entspringt.

Wenn ein Minister mit besoffenem Kopf in einem Lokal randaliert und politische Gegner verprügelt, ist selbstverständlich der volle Name zu buchstabieren. Bei Prominenten greift die Pflicht zur Anonymisierung nicht. Wie sich Prominenz definiert, ist allerdings wieder eine andere Frage …

Fehlende Klarheit in der Sprache verschleiert die Wahrheit. Mit vorsichtig formulierten Meldungen in bürokratischem Polizei- oder Juristendeutsch ist niemandem gedient.

Etwa so: Das Landgericht Trier hat eine männliche Person wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt; nach Auffassung des Gerichts steht zweifelsfrei fest, dass der Täter eine weibliche Person heimtückisch getötet hat. Der Anwalt der männlichen Person, der bekannte Strafverteidiger Dr. Fidibus von Rechtswegen, kündigt an, dass er den Richterspruch anfechten will.

Wer wollte derlei lesen? Desinformation statt Information. Verbale Vernebelung.

Vollends zur Groteske gerät die politisch korrekte (und presserechtlich geforderte) Verschwurbelung, wenn von Verbrechen zu künden ist, die ethnischen Minderheiten zur Last gelegt werden. Sinti und Roma? Nein: Jugendliche südländischen Aussehens oder: Mitglieder einer gewöhnlich umherreisenden Bevölkerungsgruppe. Russlanddeutsche, Polen, Rumänen? Nein: Männer mit osteuropäischem Akzent.

Genehmigt oder verboten? Das Korsett ist eng geschnürt. Journalisten versuchen, die W-Fragen aufzudröseln. Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Und sie sagen, was zu sagen ist – ohne die Persönlichkeitsrechte anzutasten. Oft eine Gratwanderung. Wenn Namen fehlen, braucht es andere Merkmale der Unterscheidung. Alter, Beruf, Ort. Oder Attribute – eine seit Jahrtausenden verwendete „Krücke“, um Menschen auseinanderzuhalten: Karl der Große. Der Kühne. Der Kahle. Der Hammer. Der Dicke. Der Einfältige. Der Käfer.

Zurück zur Gerichtsreportage. Oft ist die Einordnung des sozialen Umfelds notwendig, um das Geschehen zu verstehen und aufzuklären. Der Fall des Kochs, der zum Mörder wurde, ist ein solches Beispiel: Wäre der Mann nicht arbeitslos gewesen, hätte er womöglich genug Geld gehabt, um seine Drogen zu kaufen. Eine für das Verständnis der Bluttat relevante Information.

Wichtig ist, dass die Berichterstatter keine Klischees bedienen. Nicht alle arbeitslosen Köche morden aus Habgier, sondern (hoffentlich) nur dieser eine.

Im Volksfreund-Archiv finden sich einige Prozessberichte, in denen das Attribut „arbeitslos“ eine Rolle spielt: Handwerker … Dentaltechniker … Metzger … Dachdecker … Kraftfahrer … Friedhofsgärtner … Anstreicher … Kickboxing-Fan. Und noch viel mehr, in denen Berufe vorkommen: Chefärzte … Fachärzte … Nervenärzte … Narkoseärzte … Hausärzte … Star-Chirurgen … Manager … Studenten … Soldaten … Rentner … Professoren … Polizisten … Priester … Journalisten …

Stets handelt es sich um Einzelfälle, nicht um die Diskriminierung von Berufsgruppen. Oder Arbeitslosen.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.