Hipp, hipp, hurra!

Bergit Khomri schreibt per Mail: Hallo, ich finde es MEHR als traurig, dass im Volksfreund bisher noch nicht ein Mal der Medaillenspiegel der Paralympics aufgelistet wurde!!!!!!!!!!!!!! JEDER Unsinn wird gedruckt, aber etwas Interessantes NICHT!!!!!! Dies war nur ein Hinweis, in der Hoffnung, dass er beherzigt wird.

Liebe Frau Khomri,

vielen Dank für Ihre Anregung. Warum kein Medaillenspiegel der Paralympics in der Zeitung? Mit dieser Frage haben sich mehrere Leser gemeldet. Es gibt Gründe, die dafür sprechen, eine Nationenwertung zu veröffentlichen. Und es gibt Gründe, die dagegen sprechen. Letztere überwiegen. Doch der Reihe nach.

Wir berichten ausführlich über die vier Paralympier aus der Region: die Leichtathletin Maike Hausberger (17) aus Butzweiler, den Judoka Sebastian Junk (28) aus Trier, die Rollstuhl-Basketballer Marina Mohnen (33) aus Bitburg und Dirk Passiwan (35) aus Trier. Was sie antreibt, was sie umtreibt.

Wir erzählen jeden Tag eine besondere Geschichte: Porträts von Sportlern wie Ilke Wyludda, Heinrich Popow oder den Brussig-Zwillingen; Hintergründe über Techniktrends; die unsägliche Prämienposse.

Wir nennen die deutschen Gewinner von Gold, Silber, Bronze.

Aber wir bringen keine Ranglisten, keinen Medaillenspiegel. Warum nicht? Weil beim Sport – zumal bei den Paralympics – die Leistung von Menschen zählt, nicht die von Nationen.

Um zu verdeutlichen, was gemeint ist, argumentiere ich politisch unkorrekt und übertreibe bewusst. Ja, der Medaillenspiegel ist wichtig. Wer merkt sich schon die Namen von Leuten, von denen man alle vier Jahre etwas hört? Tobias Graf hat Gold geholt, im Radfahren, Klasse C2. Ach ja? Und Hannolore Brenner im Dressurreiten. Wer bitte?

Ist doch egal: Gold für Deutschland! Für „uns“!

Damit wären wir beim Grundsätzlichen. Der Medaillenspiegel ist ein Relikt. Entstanden in einer Zeit, als das sportliche Kräftemessen von der Politik gekapert worden ist. Hitlers Wahn von der Überlegenheit der arischen Rasse; der Kalte Krieg, als Ost und West das Nationenranking zur Propaganda nutzten; der Terror von München …

Bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, 1896 in Athen, war die Herkunft der Athleten ohne Belang. Die Sieger erhielten eine Medaille aus Silber (!), die Zweitplatzierten eine aus Bronze (in einigen Quellen heißt es: aus Kupfer). Und die Dritten? Nix, kein Budget. Es dauerte nicht lange, bis Patrioten, Chauvinisten, Nationalisten auf den Plan traten und Wettkämpfe aller Art vereinnahmten. Beinahe ein Jahrhundert lang.

Derlei wirkt nach. Längst dominieren Kommerz und Klamauk. Die Schar der (Polit-)Funktionäre aber hofft wie eh und je, vom Glanz der Helden zu profitieren. Sie schmachtet nach Edelmetall und singt das alte Lied. Jeder sportliche Triumph sei (auch) ein Triumph des Systems. Die internationale Hackordnung als nationales Anliegen.

Lassen wir das politische Geschmäckle beiseite. Der Medaillenspiegel ist eine Spielerei ohne Aussagekraft. Weil Äpfel mit Birnen verglichen werden. Einzelmedaillen mit Mannschaftsmedaillen. Reiten mit Rollstuhl-Rugby. Amputierte mit Blinden. 1,3 Milliarden Chinesen mit 7000 Monegassen. Reiche Länder mit armen Ländern.

Wer Geld hat, trainiert seine Talente unter idealen Bedingungen, päppelt sie, züchtet sie zu Medaillenlieferanten heran. Oder heuert flugs ein paar afrikanische Wunderläufer an wie Bahrain, Katar, die Türkei. Was motiviert Stars wie den österreichischen Gewichtheber Matthias Steiner, der jetzt ein Deutscher ist, die Staatsbürgerschaft zu wechseln? Natürlich die Liebe (zur Nation, ha!).

Ist es eine sportliche Leistung, wenn ein Land haufenweise Medaillen hortet? Zeiten, Weiten, Höhen? Nein! Wichtig ist die Begabung, die jeden einzelnen Menschen wertvoll macht – egal ob er aus Ouagadougou, Ottawa oder Oberkleckersdorf stammt.

Paralympier wollen behandelt werden wie nichtbehinderte Sportler. Das ist gut so. Manche entblättern sich für Aufnahmen in erotischen Kalendern, andere streiten hitzig um Prämien, wieder andere dopen sich, rüsten mit Hightech auf, fügen sich angeblich selbst Verletzungen zu, bloß um dabei zu sein.

Dass sie deformierte Körper haben, Prothesen tragen, im Rollstuhl sitzen – na und!? Was sie zeigen, ist großartiger Sport. Athletik, Kampf, Leidenschaft.

Wer das nicht glaubt, sollte sich mal live ein Spiel der Trier Dolphins in der Bundesliga der Rollstuhl-Basketballer anschauen. Wahrlich beeindruckend!

P.S.: Nach Abschluss der Paralympics drucken wir ein Mal den Medaillenspiegel ab. Für Statistiker und Nostalgiker. Ganz ohne geht’s denn doch nicht. Siehe Olympia. Hipp, hipp, hurra!

Sportliche Grüße!

Peter Reinhart

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.