Olympische Gedanken

Paul, zehn Jahre alt, ist ein glühender Sport-Fan: Ich finde Usain Bolt toll und will sehen, wie der schnellste Mann der Welt in London die 100 Meter rennt. Vielleicht in einer neuen Rekordzeit! Der Endlauf ist ziemlich spät abends. Zum Glück haben wir Ferien. Als ich meinen Papa gefragt habe, ob ich die Olympiade im Fernsehen anschauen darf, hat der nur gelacht. Das würde lange dauern, sagte er: vier Jahre. Und dann hat er mir erklärt, dass die Olympiade der Zeitabschnitt zwischen zwei Olympischen Spielen ist. Hmm. Bei uns auf dem Dorf war neulich Kirmes, mit Kinder-Olympiade. Und die hat keine vier Jahre gedauert!

Lieber Paul,

das ist eine Frage, über die sich schon die Geschichtsschreiber im Altertum nicht einig waren. Olympiade oder Olympische Spiele – wie heißt es richtig?

Olympia ist der Ort, an dem die Griechen vor ewigen Zeiten (nachweislich 776 vor Christus bis 393 nach Christus) gewaltige Feste für ihre Götter feierten. Dazu gehörten Wettkämpfe wie Laufen, Ringen, Boxen oder Pferderennen, Vorträge von Dichtern und Musikern, Orakel-Gedöns und anderes mehr. Die Gewinner erhielten Kränze aus Zweigen des Ölbaums.

Bis zur nächsten Sause dauerte es immer vier Jahre = eine Olympiade, damals die wichtigste Zeiteinheit der Menschen. Eindeutig war der Begriff nicht; das Wort Olympiás bezeichnet in antiken Schriften auch die Spiele selbst oder die Siege.

Das Ende einer Olympiade (hier: Zeitspanne) markieren seit alters Olympische Spiele. In der Moderne, seit der Wiederbelebung der Idee im Jahr 1896, freilich nicht mehr zu Ehren der Götter, sondern als Sportfest. London veranstaltet die Spiele zur Feier der XXX. Olympiade.

Als wäre das nicht verwirrend genug: Die Winterspiele, im Jahr 1924 gegründet, zählt man anders als die Sommerspiele. Eben nicht nach Olympiaden! In der russischen Stadt Sotschi treffen sich die Wintersportler 2014 zu den XXII. Olympischen Spielen.

Was für ein Kuddelmuddel! Kein Wunder, dass viele die Begriffe verwechseln. Das ist gar nicht schlimm. Sprache lebt, die Bedeutung von Wörtern wandelt sich. Längst gibt es Mathe-Olympiaden, Schach-Olympiaden, Papa-Kind-Olympiaden, Dorf-Olympiaden, Vereins-Olympiaden, Feuerwehr-Olympiaden, Brennholz-Olympiaden, Eifelgaudi-Olympiaden, Hunsrück-Olympiaden und andere.

Im Wörterbuch Duden steht, dass Olympiade heutzutage dasselbe meint wie Olympische Spiele – und nur noch selten die vier Jahre dazwischen. Der alte Sinn verliert sich, der neue triumphiert. Ganz schön vertrackt. Hoffentlich grübelt Usain Bolt nicht darüber, wenn er zum 100-m-Finale antritt …

Sportliche Grüße!

Peter Reinhart

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