Politischer Schmäh

Dieter Loeding aus Badem meint: Es wäre wünschenswert, wenn der Volksfreund etwas ausgewogener über das Thema Betreuungsgeld berichten würde, statt einseitig nur die grünen und roten politischen Pseudoexperten zu Wort kommen zu lassen mit despektierlichen Äußerungen unter dem Titel „Herdprämie“. Wie zu erfahren ist, wird dezidierte Kritik von Seiten der Kinder- und Jugendärzte mit Blick auf die frühkindliche Betreuung außerhalb der Familie geäußert und auf die damit einhergehenden hohen Risiken für die seelische und körperliche Gesundheit. Warum also Eltern angreifen, die es vorziehen, ihre Kinder in der häuslichen Umgebung großzuziehen?

Lieber Herr Loeding,

vielen Dank für Ihre Hinweise. Meine erste Reaktion: Wenn das so wäre, wie Sie notieren, hätten wir Prügel verdient. Nach Prüfung der Artikel bin ich jedoch überzeugt: alles okay. Zwei Anmerkungen zu Ihrer Kritik:

Einseitige Berichterstattung? In mehreren Beiträgen haben wir Anfang April den politischen Streit über das geplante Betreuungsgeld aufgegriffen: 150 Euro pro Monat für Eltern, die ihre Kleinen zuhause hüten und nicht in Krippen oder Kitas geben. Ein Projekt, an dem sich die Strategen der Parteien seit Jahren abarbeiten, an dem sich die große Koalition verhoben hat, an dem Schwarz-Gelb nun heftig knabbert.

Die Kanzlerin beharrt auf der Einführung der „zusätzlichen Anerkennungs- und Unterstützungsleistung“ für Familien, die CSU kämpft geschlossen dafür, während sich zwei Dutzend Bundestagsabgeordnete der CDU distanzieren und die FDP das Ganze für „nicht zeitgemäß“ hält. Knatsch in der Union, eine Zerreißprobe für die Koalition.

All das haben unsere Korrespondenten aufgedröselt, dabei vorwiegend Protagonisten der Regierungsparteien zitiert. Und wie es sich gehört (Stichwort: Ausgewogenheit!), kurz und knapp, in jeweils einem Satz, die Position der Opposition ergänzt – Stimmen der „grünen und roten Pseudoexperten“, allenfalls Randfiguren der Erzählung.

Die Sinnhaftigkeit der verschiedenen Betreuungsmodelle unter pädagogischen oder medizinischen Aspekten ist nicht hinterfragt worden, allein der politische Zank.

Böse Wörter? Richtig, der Begriff „Herdprämie“ ist gefallen. Dreimal, in drei Artikeln. Und zwar in Anführungszeichen, mit Distanz: „… die auch als ‚Herdprämie’ geschmähte Sozialleistung …“, „… Opposition kritisiert das Betreuungsgeld als ‚Herdprämie’ …“ sowie in einer Aussage des SPD-Manns Alexander Schweitzer.

Andersherum: „Herdprämie“ ist Zitat, nicht Volksfreund-Vokabular. Unsere Autoren schreiben darüber, machen sich den Begriff aber nicht zu eigen.

Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, was Sprache bewirkt, was einzelne Wörter auslösen. Die „Herdprämie“ war „Unwort des Jahres“ (2007) und beinahe „Wort des Jahres“ (Platz zwei, ebenfalls 2007), längst steht sie im Rechtschreib-Duden. Wer sie erfunden hat, bleibt im Dunkeln. Auf einmal war sie da, mitten auf dem medialen Marktplatz, und erregt seitdem die Gemüter.

Politisch motivierter Schmäh, dazu erdacht, konservative Gesinnung zu verhohnepiepeln? Mag sein. Verbürgt ist jedenfalls, dass sich auch CDU-Politiker gern des frechen Ausdrucks bedienen. Ursula von der Leyen etwa. Oder Angela Merkel, die einst im Bayern-Wahlkampf lästerte: „Zur Herdprämie: Es ist doch so, dass man froh sein kann über jeden, der mit dem Herd überhaupt noch was anzufangen weiß, ohne sich die Finger zu verbrennen. Nicht immer nur eine von der Nummer ‚Pizza an der Tankstelle einkaufen und in der Mikrowelle warm machen.’“

Nanu, die Kanzlerin übt sich in Ironie. Vielleicht ahnt sie ja, dass ein vermeintlich politisch korrekter Begriff wie „Betreuungsgeld“ hübsch klingt, bei Lichte besehen aber, mit Verlaub, dummes Zeug ist. Denn er bezeichnet eine Selbstverständlichkeit und beleidigt Mütter und Väter, die das tun, was seit Anbeginn der Zeiten die ureigenste Aufgabe von Eltern ist – die Aufzucht des Nachwuchses im eigenen Nest. Der Staat jedoch erdreistet sich und mahnt: Kümmert euch gefälligst um die Lütten, „betreut“ sie, dann zahlen wir. Verbale Verschleierungstaktik statt Klartext. Die „Herdprämie“ benennt immerhin ehrlich, um was es geht …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.