Alles nur geklaut

Mehrere Leser wollen wissen, warum am vergangenen Montag in der Bild-Zeitung ein Foto mit Verweis auf die Quelle Trierischer Volksfreund erschienen ist.

Liebe Leser,

Kollegenschelte in der Öffentlichkeit ist eigentlich nicht mein Ding. Jeder Journalist, jedes Medium legt für sich handwerkliche und ethische Standards fest. Was kann, was darf, was muss berichtet werden? Und wie? Es gehört zum Job, immer wieder zu prüfen, ob die eigenen Ansprüche stimmig und zeitgemäß sind – und ob sie eingehalten werden.

Niemand ist vollkommen. Fehler passieren. Aus Nachlässigkeit, aus Versehen, aus Unkenntnis, aus Trotteligkeit, aus Unfähigkeit. Namentlich ein Blatt, das sich zum Gewissen der Nation stilisiert, begeht Fehler jedoch offenkundig mit System. Vorsätzlich und arglistig. Und deshalb rege ich mich über die Bild-Zeitung auf.

Der Fall: Ein Trierer Kommissar bringt in Saarlouis seine kleine Tochter und sich selbst mit der Dienstwaffe um. Ein grausiges Verbrechen. Wir haben die Geschichte Anfang der Woche im Volksfreund erzählt. Ohne Täter und Opfer zu zeigen, ohne Klarnamen preiszugeben. Bild will mehr – vor allem ein Foto vom Todesschützen.

Woher nehmen, wenn das übliche „Witwenschütteln“ nichts zutage fördert, wenn also bei Hinterbliebenen, Freunden, Bekannten kein Material abzugreifen ist? Wenn die Ermittler nichts herausrücken? Woher nehmen?

Stehlen!

Auf einer harmlosen Szene, vor knapp zwei Jahren im Volksfreund veröffentlicht, ist neben anderen Polizisten auch der Kommissar zu erkennen. Das Motiv findet sich im Netz. Bild fragt an, ob wir die Genehmigung zum Abdruck erteilen. Die Antwort: nein. Weil wir keine Geschäfte mit Boulevard-Zeitungen machen. Auch RTL meldet sich, nebst anderen. Die Antwort: nein. Keine Deals.

„Schade, einen Versuch war es wert“, heuchelt die Bild-Mitarbeiterin am Telefon Verständnis. Und saugt das Foto ohne Erlaubnis aus dem Volksfreund-Archiv im Internet. Tags darauf illustriert es die Story über das Familiendrama. Ein Ausschnitt. Riesengroß. Nicht verfremdet. In Millionen-Auflage. Perfide: der Vermerk Friedemann Vetter/Trierischer Volksfreund.

Das erweckt den Anschein, als hätten wir das Bild zur Verfügung gestellt. Haben wir aber nicht. Wir führen Täter und Opfer nicht vor, wir bedienen keine Voyeure, die sich am Unglück anderer Menschen weiden, wir verkaufen solche Fotos nicht.

Der dreiste Bilder-Klau der Bild-Macher hat Methode. Es ist nicht das erste Mal, dass die Redaktion des Boulevardblatts sich ein Volksfreund-Foto grapscht, obwohl wir das ausdrücklich untersagt hatten.

Die Kosten für die juristische Abmahnung samt Unterlassungserklärung und die fällige Lizenzgebühr zahlt der Springer-Konzern, der Bild herausgibt, wohl aus der Portokasse. Der Hinweis auf den Fotografen Friedemann Vetter mildert sogar den Gesetzesverstoß – weil die Quelle genannt ist.

Urheberrecht? Egal! Persönlichkeitsrecht? Schall und Rauch! Opferschutz? Pah!

Nä, wat habt ihr ’ne fiese Charakter …

P.S.: Vor zweieinhalb Jahren haben die Verantwortlichen von Hunderten Medienhäusern die „Hamburger Erklärung zum Schutz des geistigen Eigentums“ unterzeichnet. Einer der Initiatoren: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG. Bei der Vorstellung des Manifests sagte er: „Ich freue mich über diesen internationalen Appell der Verlage. Er ist ein wichtiger Schritt im Interesse der globalen Internet-Gemeinde. Das Internet ist nicht der Feind, sondern die Zukunft des Journalismus, wenn auch in der digitalen Welt geistiges Eigentum respektiert wird.“

Es wäre schön, wenn Döpfners eigene Leute sich an die salbungsvollen Worte ihres Chefs halten würden.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

 

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1 Kommentar

  1. Hallo Herr Reinhart!

    Sie haben vollkommen Recht in dem, was Sie schreiben. Es ist vollkommen korrekt, dass Sie dieses Sachverhalt öffentlich machen. Das ist keine Kollegenschelte (davon abgesehen, dass ich mich schwer tue, die Herrschaften in der Rudi-Dutschke-Straße als „Kollegen“ zu bezeichnen), das ist das legitime und notwendige Eintreten für einen integren Journalismus in unserem Land.
    Es kann nicht sein, dass eine Redaktion die Meinung und das Verhalten von Bürger, Politikern und Kollegen diktiert. Wenn wir nicht wie Italien enden wollen, müssen wir uns den Machenschaften von Bild stark entgegenstellen.

    Beste Grüße aus Berlin!

    J. Uhl

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