Buchstabenlawine im Olympiabad

Friedhelm Oeffling aus Bitburg schreibt: Ihre Zeitung ist recht interessant und aufwendig gestaltet, aber warum investieren Sie nicht ein paar Euro in ein vernünftiges Rechtschreibprogramm, damit die Ausgaben ohne beziehungsweise mit weniger Fehlern zu den Lesern kommen?

Lieber Herr Oeffling,
vielen Dank für Ihren Brief. Eins fünf null null null null null null null. Das ist nicht die Nummer gegen Kummer und nicht die telefonische Fehler-Seelsorge. Sondern, grob überschlagen, die Zahl der Buchstaben, die jedes Jahr im Volksfreund gedruckt werden: 150 Millionen.

Die Kalkulation basiert auf Durchschnittswerten: täglich 75 Seiten mit allen Lokalausgaben, davon zwei Drittel redaktionelle Inhalte, davon wiederum zwei Drittel Text; pro Seite etwa 10.000 Buchstaben, täglich im Blatt 500.000, jährlich bei 300 Ausgaben 150.000.000 – auf ein paar Millionen mehr oder weniger kommt es nicht an.

Nehmen wir an, jeden Tag würde die Redaktion im Schnitt 100 Wechsstaben verbuchseln, ähh, Buchstaben verwechseln, zu Deutsch: Rechtschreibfehler produzieren. Im Laufe eines Jahres wären das 30.000 Patzer. Einer so ärgerlich wie der andere, zweifellos – in der Masse aber ohne Bedeutung. 0,02 Prozent, wenn ich richtig gerechnet habe. In der Summe: drei von 15.000 redaktionellen Seiten.

Legte man alle Buchstaben nebeneinander, käme in der Jahreswertung eine Fläche größer als ein Schwimmbecken mit olympischen Maßen (50 mal 25 Meter) zusammen. Und die Fehler? Ein Ball, der auf dem Wasser treibt.

Langer Rechnung kurzer Sinn: Jeder verflixt-vermaledeite Fauxpas ist bedauerlich – aber menschlich. Niemand ist davor gefeit. Der Bäcker nicht, der sein Brot zu lange im Ofen lässt. Der Automechaniker nicht, der vergisst, beim Radwechsel die Schrauben anzuziehen. Der Arzt nicht, der eine falsche Diagnose stellt. Und der Redakteur nicht, der aus Schusseligkeit oder unter höchstem Zeitdruck ein Wort nicht richtig schreibt. Beim Volksfreund wie bei jeder anderen Zeitung der Welt, trotz aller Vorkehrungen. Denn das Ziel ist klar definiert (auch wenn es wohl nie erreichbar sein wird): null Fehler.

Was tun wir konkret? Beim Gegenlesen gilt das Vier-Augen-Prinzip, das elektronische Rechtschreibprogramm „Duden Korrektor“ prüft alle Texte, und ein Trupp erfahrener Lektoren analysiert mit gezücktem Rotstift die Seiten.

In dem dreifach geknüpften Sicherheitsnetz bleiben dicke Bolzen hängen. Und doch ist es offenkundig nicht engmaschig genug. Selbst der Kollege Computer irrt gelegentlich, wie Jörg Lehn, Chef-Lektor des Volksfreunds, zu berichten weiß. Er hat einige Stilblüten gesammelt, die ohne Beanstandung durch die automatische Kontrolle geflutscht und erst von den menschlichen Korrekturlesern abgefangen worden sind. Ins Blatt gelangten sie nicht.

Die schönsten Beispiele, neu komponiert:

Wenn die Krippe im Schweinestall grassiert (richtig: Grippe) und ein weißhaariges Ehepaar den Kopf schüttelt (die Ärmsten: siamesische Zwillinge?), steht das Spiel auf des Messers Scheide (statt: Schneide).

Hmm, wie es wieder nach frischen Waffen und Bratwürstchen duftet (statt: Waffeln). Herrlich, wie die Fötengruppe (statt: Flötengruppe) die Backkantaten (statt: Bachkantaten) interpretiert, angestrahlt von blauen Bühnenschweinwerfern (statt: Bühnenscheinwerfern).

Mag sein, dass angesichts solch funkelnder Pracht das unnachahmliche Minenspiel des Komikers (statt: Mienenspiel) explodiert und er mit verzehrtem Gesicht (statt: verzerrtem) würgend zur Spuktüte (statt: Spucktüte) greift. Bestimmt versucht er, durch den Fluchtunnel (statt: Fluchttunnel) zu entrinnen, vielleicht begegnet ihm dabei eine schnatternde Riesterente (statt: Riesterrente).

In jedem Fall werden die klugen Köpfe beim städtischen Denkamt (statt: Denkmalamt) ins Grübeln geraten.

Tja, die Redaktion gleicht mitunter einer karikativen Einrichtung (statt: karitativen), eine hole Phrase (statt: hohle) jagt die nächste.

Im Schitt (statt: Schnitt) machen Fehler einen Bruchteil der Thermen des Tages (statt: Themen) aus, und obwohl es insgesamt wenige sind, wird hitzig darüber gestritten.

Mancher Buchstabendreher ist so schrullig-schräg, dass es sich lohnen würde, ihn beim Bundespatenamt (statt: Bundespatentamt) anzumelden. Vielleicht sollten wir aber einfach bloß beim nächsten Beneviezturnier (statt Benefizturnier) einen darauf trinken. Prost.

Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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