Hinterm Horizont geht’s weiter

Zwei Zuschriften zur Berichterstattung über die Protestbewegung „Occupy Wall Street“:

Erich Groß aus Trier meint: Bei der täglichen Lektüre des Volksfreunds gibt mir sehr zu denken, dass über die Unruhen in Amerika kein Wort berichtet wird. Dort werden friedliche Demonstranten seit Wochen von den Polizeikräften mit Gasgranaten attackiert und gezielt beschossen. Friedliche Menschen, die nichts weiter tun als für ihr Recht auf ein freies, menschenwürdiges Dasein zu demonstrieren. Und die ganze Welt schaut weg. Es ist schade, dass der Volksfreund sich in diesem Zusammenhang eindeutig auf dem Niveau der Bild-Zeitung bewegt, denn selbst dort schweigt man die Sache tot. Hier wird wieder einmal deutlich, wie die breite Masse der Bevölkerung durch das bewusste Verschweigen von Nachrichten manipuliert wird.

Hans Phoenix aus Oberehe in der Vulkaneifel schreibt: Mutige Medien gesucht! Wer geht da in den letzten Tagen und Wochen weltweit auf die Straße, um gegen soziale Ungerechtigkeit und gegen die Macht der Wirtschaft, insbesondere der Banken, zu demonstrieren? Wer geht auf die Straßen, um für mehr Demokratie zu demonstrieren?

Vor Jahren redete man nur über ein paar Prozent Politikverdrossene, jetzt sind wir bundes- und weltweit damit konfrontiert, dass immer mehr Menschen für andere Menschen demonstrieren. Sind es nur einige wenige? Sind das nur Spinner? Da von den Medien die Zahlen der Demonstrierenden schlicht heruntergelogen werden, könnte man so etwas schnell vermuten. […] Die Regierungen ignorieren das bislang. […] In einigen Ländern wurden sogar extra Krawallmacher engagiert, die sich unter die Demonstranten mischten, um die friedliche Bewegung Occupy zu denunzieren und in Verruf zu bringen. Und was liest man darüber hier in den Zeitungen? Was hört man hier im Radio? Nichts! Nur wenige Zeitungen und Sender trauen sich nun endlich, zu informieren und wahrheitsgemäß zu berichten. Diesen mutigen Journalisten kann man vertrauen. […]

Andere, und hiermit meine ich vornehmlich alle Zeitungen, Fernseh- und Rundfunksender in der Vulkaneifel, machen nichts, rein gar nichts. Sie gaukeln den Menschen mit seichter Unterhaltung und seichter Berichterstattung eine heile Welt vor, während überall auf der Welt Menschen für andere Menschen auf die Straße gehen und dafür protestieren, dass dem vorherrschenden demokratielosen Wahnsinn ein Ende bereitet wird. […] Wie sollen Menschen in der Vulkaneifel aber aufmerksam werden, wenn keine Zeitung und kein Sender sich trauen, die Zensur zu ignorieren, die es definitiv in Deutschlands Medienwelt gibt? Muss es denn erst an die Gewinne gehen, die irgendwann auf dem Spiel stehen, weil sich Zeitungen und Sender durch falsche oder unterlassene Berichterstattung unglaubwürdig gemacht haben? […]

Bald wird es in der Vulkaneifel Protestaktionen geben, wenn wir mehr geworden sind. Und das werden wir! […] Bin gespannt, welche der angeschriebenen Zeitungen diesen Brief abdruckt.

Lieber Herr Groß,
lieber Herr Phoenix,

vielen Dank für Ihre Mails, die ich wegen der überbordenden Länge in Auszügen veröffentliche. Ihr Engagement in allen Ehren – aber Verschwörungstheorien und Mutmaßungen bringen uns nicht weiter. Zwei Anmerkungen:

  • Der Volksfreund wird nicht zensiert, der Volksfreund schweigt nichts tot. Glauben Sie nicht? Nun gut, die Fakten beweisen es. Über die Occupy-Aktivisten (zu Deutsch: Besetzer) haben wir auf Seite eins und auf Seite drei der Zeitung ausführlich berichtet. – Beispiele:

„Gegen Banken und Politik: Eine Wutwelle, die nicht enden will“ (10. Oktober); „Wall-Street-Demos: Jetzt wird’s persönlich“ (13. Oktober); „Protestwelle schwappt nach Deutschland“ (15. Oktober); „Globale Proteste gegen Bankenmacht“ (17. Oktober); „Trierer Wissenschaftler: Wut auf Politik und Banken wächst weiter“ (19. Oktober); „Der Protest steht erst am Anfang“ (19. Oktober); „Die Räuberbande der Banker“ (provokanter Gastbeitrag von Professor Hellmuth Milde, 19. Oktober), „Protestbewegung gegen die Macht der Banken erreicht Trier“ (24. Oktober samt fünf Bildern von Demonstranten aus der Region); „Lange Unterhosen gegen die Macht der Banken“ (17. November); „Hunderte Festnahmen bei Protesten der Occupy-Bewegung in den USA“ (19. November); dazu kleinere Meldungen und eine Handvoll langer Leserbriefe.

  • Was in der Zeitung steht, wird nicht anhand von Kriterien wie „Mut“ oder „Manipulation“, „Denunziation“ oder „Lüge“ entschieden. Sondern: Ist es neu? Aktuell? Bedeutsam? Wissenswert? Wer ist betroffen? Welche Auswirkungen hat es?

Die Informationsflut ist chaotisch, nur ein Bruchteil der Nachrichten, die unablässig um den Globus rasen, „passt“ ins Blatt. Aufgabe der Redaktion: sortieren, bewerten, aufbereiten, deuten – aus Tausenden von Meldungen, täglich.

Bei der Entscheidung, was wichtig ist und was nichtig, orientieren wir uns am größten gemeinsamen Nenner: dem Interesse der Leser an lokalen und regionalen Neuigkeiten. An dem, was unmittelbar vor der Haustür geschieht. An Themen, über die man in Trier, in der Eifel, im Hunsrück und an der Mosel spricht. An Informationen, die Sie sonst nirgendwo erhalten.

Freilich: Hinterm Horizont geht’s weiter. Die Berichte über Ereignisse in der großen weiten Welt runden das Angebot ab. Mal mit umfassenden Analysen, mal mit knappen Einspaltern. Siehe Occupy. Jedoch: Nicht jede Demo, nicht jede Auseinandersetzung, nicht jeder Wutschrei ist eine Nachricht. Und: Es gibt noch andere Geschichten, die zu erzählen sind – von Menschen, die nicht so schrill und lautstark daherkommen wie die Wall-Street-Besetzer.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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