Trunkner Bauer, teuflische Welt

Ullrich Papschik aus Bitburg meint: Als ich die Berichte über die Halloween-Veranstaltungen las, war ich als evangelisch geprägter Bürger doch sehr verwundert, dass diesem geistlosen Gruselfest so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Neben Anzeigensonderseiten wurde mehrmals über die Hintergründe berichtet.

Die Bedeutung der katholischen Feste Allerheiligen und Allerseelen wurde auch beschrieben. Der TV als verweltlichte Zeitung, die zwar in einer Bischofstadt gedruckt wird, aber nur im Jahr der Bibel 2003 tägliche Bibelverse abdruckte, brachte es nicht aufs Papier, einen Bericht über das evangelische Reformationsfest zu schreiben. Die 95 kritischen Thesen, die Martin Luther im Jahr 1517 an die Kirchentür zu Wittenberg nagelte, waren bestimmt nicht umsonst, und es begannen Kirchenreformen, die bis heute nicht beendet sind und immer wieder neue Ansätze brauchen, um zum biblischen Ursprung zurückzufinden.

Während Papst Benedikt bei seinem Deutschland-Besuch die berühmte Lutherstätte des Augustiner-Klosters Erfurt besuchte, hielt der TV es in diesem Jahr nicht für notwendig (auch nicht am Tag nach Halloween) klarzustellen, dass es nicht nur in Bitburg, sondern auch in Daun , Prüm, Gerolstein und Wittlich evangelische Schulgottesdienste und abendliche Reformations-Gottesdienste gab.

Das Reformationsfest ausgeblendet. Vielleicht könnte der TV darüber philosophieren, ob nach dem Buß- und Bettag auch das Himmelfahrtsfest zugunsten der Sozialkassen geopfert wird, weil es doch nur noch als Vatertagsfest gefeiert wird. Also lasst uns weiterhin fröhlich, gruselig Halloween feiern. An diesem Tag gibt’s Blutspende-(saug)-Aktionen, so würde das Fest einen sozialen Anstrich bekommen. Oh wie festlich, gruselig schön die Halloween-Shoppingtour, aber Hauptsache die Kasse klingelt, das ist die neue deutsche Feiertagsshoppingkultur!

Lieber Herr Papschik,
vielen Dank für Ihre Mail. Alle Jahre wieder: helle Aufregung ob des garstigen unchristlichen Treibens. Halloween, bäh! Der Weihnachtsmann, buh! Und dann noch dieser eierlegende Osterhase, och nö! Heidnisches Brauchtum, schnöder Mammon, idiotische Konsumkultur. Die Menschen strömen in die Einkaufstempel, statt sich in den Gotteshäusern geistlich zu erbauen. Und wer ist schuld daran? Der Volksfreund etwa? Nein, so einfach ist das nicht.

Wir schreiben auf, was passiert und versuchen zu erklären, warum es passiert. Aber wir diktieren niemandem, was er zu tun oder zu lassen hat, wir missionieren nicht. Grusel-Geister-Gedöns am letzten Oktober-Tag? Bitte schön, wer’s mag.

„Die Welt ist wie ein trunkner Bauer“, sagt Luther. „Hebt man ihn auf einer Seite in den Sattel, so fällt er zur andern wieder herab. Man kann ihr nicht helfen, man stelle sich, wie man wolle, sie will des Teufels sein.“

Der Volksfreund ist keine Kirchenzeitung. Wir befassen uns kritisch-distanziert mit dem Zeitgeschehen und setzen Schwerpunkte, je nach Anlass, je nach Bedeutung. Etwa zum Papstbesuch in Deutschland. Oder zu gesellschaftsprägenden Trends wie dem Halloween-Klamauk. Eine Chronistenpflicht, derzufolge jedes Ereignis im christlichen Jahreskreislauf zu würdigen wäre, gibt es nicht.

Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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