Tiefer, breiter, schöner

Hermann Schaer aus Trier schreibt: Wer hat sich nur den Schwachsinn mit der Doppelseite ausgedacht?! Ich bin überzeugt, dass die meisten Leser beim Format der Seite eins bleiben und so die ganze Ausgabe Seite für Seite umblättern. Der Leser wundert sich dann, dass auf Seite vier im Knick rechts unten noch Text erscheint. „Ach, der gehört ja schon zur Seite fünf“ (Ausgabe vom 24. Oktober). In der Ausgabe vom 1. November wird es dann noch schlimmer! Wie kann denn ein Fahrgast im Bus oder in der Bahn, ein Leser am Arbeitsplatz oder am Frühstückstisch die Zeitung mit ausgestreckten Armen halten, um zu sehen oder gar zu lesen, was im Bereich des Mittelknicks steht! Man kann doch ein Thema auch abhandeln, indem man es auf zwei Seiten verteilt! Ich hoffe sehr, dass dieser Unsinn sich nicht wiederholt!

Lieber Herr Schaer,

vielen Dank für Ihre Mail. Diesen Schwachsinn, wie Sie es nennen, hat meinereiner höchstselbst mit einigen Kollegen ausgeheckt. Warum? Wieso? Weshalb?
Die Panorama-Seite ist seit etwa drei Jahren eine Institution im Volksfreund. Einmal pro Woche präsentieren wir Themen auf eine etwas andere Art: tiefer, breiter, schöner. Zuvor gab es das allenfalls bei ganz besonderen Ereignissen. Zu welchem Behufe also? – Zwei Gründe:

  • Die Welt ist komplizierter, das Zeitgeschehen verzwickter denn je. Unser Job: beschreiben, was sich ereignet, erklären, warum es passiert, interpretieren, was es bedeutet – und das Ganze für die Leser möglichst attraktiv aufbereiten. Von Baustellenchaos bis Bundeswehrreform. Von Eurokrise bis Papstbesuch. Die Zusammenhänge zwischen Lokalem und Globalem aufzudröseln, erfordert Platz. Mitunter viel Platz. Natürlich lässt sich alles und jedes in Hunderten Textzeilen bedichten. Liest bloß kaum jemand. Um Interesse zu wecken, braucht es spannende Fotos, übersichtliche Illustrationen, anschauliche Grafiken. Tiefer, breiter, schöner. Vorteil einer Doppelseite: Der Leser ist eingeladen, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, vergleichbar dem Wanderer, der von der Zugspitze ins Land schaut, sich Zeit nimmt und das Panorama intensiv studiert, vielleicht genießt.
  • Im Medienzeitalter dräut Ablenkung allerorten. Immer mehr Reize, immer weniger Aufmerksamkeit – die Wahrnehmung verändert sich. Im unablässigen Hintergrundrauschen geht unglaublich viel Information verloren. Bruchteile von Sekunden entscheiden darüber, ob wir uns mit etwas beschäftigen – oder nicht. Wer die Menschen für Themen, für Geschichten begeistern will, muss sich etwas einfallen lassen. Das heißt für Zeitungsmacher: nicht Tag für Tag nach dem Schema quadratisch-praktisch-gut arbeiten, sondern überraschen, Sehgewohnheiten brechen, neue Formate ausprobieren. Genau das tun wir mit der Panorama-Seite, die im Wechsel harte politische Nachrichten, üppige Wissensstücke, regionale Aufreger und Fotoreportagen bietet. Tiefer, breiter, schöner.

Für die einen ist das Unsinn, für die anderen purer Lesespaß.
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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