Komm, hol das Lasso raus!

Tim Bartz schreibt: Muss ich mich als jahrelanger Leser des TV wirklich mit Überschriften des Kalibers „Auf Du und Du mit Kälbchen und Kuh“ oder „Wo Fischers Fritzen frische Fische fischen“ abgeben? Glauben Sie, dass solche Artikel von Lesern ernst genommen werden? Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie zukünftig Ihre Überschriften etwas sorgfältiger und vor allem informativer gestalten.

Lieber Herr Bartz,

vielen Dank für Ihre Mail. Uiuiui, da hat jemand versucht, witzig zu sein. Zwei Überschriften aus dem Lokalteil. Pfiffige Wortspiele? Ich meine: albern. Kommt schon mal vor, ist aber nicht Standard. Und dient nicht als Muster für die Zukunft.

Grundsätzlich: Die Kritik an mancher Zeile ist berechtigt. Im Volksfreund wie in jedem anderen Blatt der Welt. Und sie ist uralt. Im Jahr 1914 hat sich der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky Die Überschrift vorgeknöpft. Ich zitiere eine etwas längere Passage:

„Das haben wir eigentlich aus Amerika gelernt, nicht auf die Suppe, sondern auf den Topf zu gucken. Früher fragte man, wie eine Medizin wirke, heute, wie sie verpackt sei. Ein Königreich für einen Titel!
Die Zeitungen haben’s verschuldet, deren geschickteste Angestellte sich den Kopf zerbrechen müssen, um einen Titel, ein lockendes, fettgedrucktes Wort zu erfinden …

Es ist nicht zu tadeln, wenn eine gute typographische Druckanordnung die Orientierung des Lesers erleichtert, – aber das geschieht bei uns auf Kosten des Inhalts. Die Überschrift macht den Kohl fett, der sonst so fad wäre, dass ihn niemand schlucken möchte.

Wenn die Überschrift noch den Extrakt der Nachricht, des Artikels enthielte: keine Spur! Anreizen soll sie, und die Folge ist, dass der ewig überhungrige Leser die dünne Kaviarschicht durchbeißt, auf den pappigen Teig stößt und dann das Ganze überdrüssig wegwirft. So werden viele gute Dinge diskreditiert: nur durch die Überschrift. […]“

Und so weiter, und so fort. Alles richtig, Herr Tucholsky. Es ist ja so einfach, eine sachlich-seriöse und zugleich spannend-spritzige Zeile zu produzieren. Oder etwa nicht?

Die Überschrift ist die Nachricht über der Nachricht. Also die Kernaussage des Artikels in einem halben Dutzend Wörter zusammenfassen, und schwuppdiwupp ist der Leser aufs Beste informiert. Von wegen. Geistreiche Überschriften zu bosseln zählt zu den großen Herausforderungen im täglichen Ringen um die bestmögliche Zeitung.

In dicken Büchern ist nachzulesen, wie man es macht – und wie nicht. Wolf Schneider und Detlef Esslinger, zwei Gurus unter den Journalisten-Ausbildern, warnen: Nirgends sonst drängen sich so viele Probleme in so wenigen Wörtern zusammen.

Die Überschrift muss verkürzen und zuspitzen. Sie hat, sagen die Lehrmeister, eine eingebaute Tendenz, die Weltereignisse zu dramatisieren und womöglich zu verfälschen. Vorsicht also mit Übertreibungen.

Handwerklich ist allerlei zu beachten. Auf Floskeln verzichten. Auf abgedroschene Phrasen. Auf Namen, die keiner kennt. Auf Abkürzungen. Auf Bandwurmwörter wie „Gebietskörperschaften“ oder „kommunaler Finanzausgleich“. Auf exotische Vokabeln, die niemand versteht. Auf überkandidelte Sprachexperimente. Keine Fragen bitte, wir geben Antworten. Kein Imperfekt, das wirkt lahm und gestrig. Kein abgehackter Telegrammstil. Keine kommentierenden Formulierungen. Keine schiefen Bilder. Und … bloß keine Langeweile verbreiten!

Die Überschrift ist wie ein Lasso, das den Leser einfangen und fesseln soll. Wenn sie gelingt und der Wurf glückt, zieht sie in den Artikel hinein: Yipieeeh!!! Wenn sie missrät und die Schlinge das Ziel verfehlt: Sayonara, Freunde, umgeblättert, weggezappt. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Ein Beispiel aus dem Jahr 2005: „Angela Merkel zur Kanzlerin gewählt“ tickern die Agenturen am 22. November, einem Dienstag, kurz vor elf Uhr vormittags. Das Fernsehen ist live dabei, das Radio auch, und im Internet verbreitet sich die Neuigkeit schneller, als die Regierungschefin Blaubeerkuchen sagen kann.

Jeder weiß Bescheid. Hmm. Wer Leser für die Zeitung gewinnen will, muss die Nachricht folglich anders verpacken, erzählen, weiterdrehen. Der Berliner Tagesspiegel titelt tags darauf: „Merkel ist Deutschlands erste Kanzlerin“. Der Volksfreund: „Jetzt geht’s los, Frau Kanzlerin“. Die linksalternative taz: „Es ist ein Mädchen“.

Über jede einzelne dieser Zeilen lässt sich streiten. So ist das bei jedem Text, an jedem Tag. Es gibt viele Techniken, ein Lasso auszuwerfen, und nicht jeder Versuch ist ein Treffer …

Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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