Wie im richtigen Leben

Dr. Dirk Halsband aus Kasel schreibt: Liebe TVler, was die Gestaltung der ersten Seite betrifft, fragen wir uns wirklich langsam, wie kompetent Ihre Layouter sind. Ob der „lachende Winzer“ mit großer Kinderschänder-Textzeile darunter oder die lachenden Benefiz-Künstler mit der „vermissten Lolita Berger“.

Es müsste doch endlich mal auffallen, was schon lange Straßengespräch ist: Plakatives Bild mit darunter liegender Schlagzeile werden prima vista und aus der Ferne immer zunächst miteinander assoziiert. Dass das zwei ganz unterschiedliche Themen sind, wird erst auf dem zweiten Blick klarer. Das erscheint dann oft befremdlich und wirkt weder seriös noch professionell.

Im Fall des Winzers hätte ich mich mehr als nur beschwert – das ging ja gar nicht. Vielleicht denken Sie mal darüber nach.

Lieber Herr Dr. Halsband,

vielen Dank für Ihre spannende Diagnose. Wohl wahr: Aus der Distanz (drei Meter? fünf Meter?) wirkt die eine oder andere Titelseite merkwürdig. Ein Bild mit Strahlemännern und eine Schlagzeile, die von traurigen Begebnissen kündet. Oder umgekehrt. Für den flüchtigen Betrachter wächst zusammen, was nicht zusammengehört.

Bei näherem Hinsehen – geschätzter Lese-Abstand: fünfzig Zentimeter – löst sich das Missverständnis auf. Eine Linie, eine Überschrift, einige Zeilen trennen das Foto vom Hauptartikel, dem Aufmacher. Zwei Themen, klar abgegrenzt. Irrtum ausgeschlossen. – Denkste!

Immer wieder diskutieren wir dieselbe Frage, in der Redaktionskonferenz und im Gespräch mit Lesern. Und immer wieder stellen wir fest: Wenn die Kombination von Text und Bild nicht stimmt, dräut Verwirrung. Beim Volksfreund wie bei der Frankfurter Allgemeinen, bei der New York Times wie beim Luxemburger Tageblatt. Generationen von Redakteuren, Grafikern und Designern haben sich daran abgearbeitet, die bestmögliche Ordnung zu finden, die bestmögliche Orientierung zu liefern. Die Layouts der meisten Blätter sind heute übersichtlich und ausgereift. Warum kommt es trotzdem zu Fehldeutungen?

Wir bilden die Welt ab, wie sie ist. Gut und böse. Schön und hässlich. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Tausende Meldungen, wichtige und nichtige, Tag für Tag. In der Zeitung steht eine Auswahl, hier prallen die Extreme aufeinander. Wie im richtigen Leben.

Die „Eins“ ist das Schaufenster mit den neuesten, interessantesten, aufregendsten Nachrichten. Sie soll Lust und Laune machen, sich mit dem Rest des Blattes zu beschäftigen. Also bitte kein Durcheinander wie in einem Kramladen, bitte keine Schmuddelecken. Sondern, im Idealfall: eine ansehnliche, aufgeräumte Auslage mit dem Besten vom Besten, oben das Bild des Tages, darunter die Story des Tages. Klingt einfach, ist schwierig.

  • Viele Geschichten lassen sich mühelos illustrieren. Der Aufmacher über die Finanzkrise des Trierer Theaters etwa mit einem Foto des Intendanten.
  • Zu einigen Geschichten gibt es Bild-Optionen (Politik, Finanzen), aber – gähn – wir wollen ja nicht langweilen. Daher suchen wir oft eine Alternative.
  • Bei manchen Geschichten – Mord und Totschlag zum Beispiel – verbieten sich Fotos. Ein anderes Thema, ein anderes Motiv muss her, zwangsläufig. Oder soll der prominenteste Platz auf Seite eins weiß bleiben?

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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