Vorsicht, Ironie!

Joachim Zierau aus Wincheringen schreibt: In der Ausgabe vom 22. Juni erschien der Artikel „Mensch …Kai Ming Au“. Dieser Artikel ist nicht nur unkorrekt, sondern auch intolerant. Ich kann nicht verstehen, dass eine derart tendenziös falsche Darstellung die internen Kontrollen des TV passieren konnte, ohne gestrichen zu werden. Ich möchte noch betonen, dass ich weder Herrn Kai Ming Au kenne, noch einer Burschenschaft angehöre, noch irgendwelche Kontakte zu den genannten Burschenschaften habe.
Lieber Herr Zierau,
vielen Dank für Ihre Zuschrift. Ich vermute, dass hier ein kolossales Missverständnis vorliegt. Die Kolumne „Mensch …“, immer mittwochs auf der Kultur-Seite platziert, ist kein nachrichtlichter Text, kein Tatsachenbericht. Sondern eine Glosse, ein zugespitzter, satirischer, polemischer Meinungsbeitrag.
Besondere Kennzeichen: elegant und verspielt, unterhaltsam und komisch. Der Autor setzt spezielle Stilmittel ein, er übertreibt, er spottet, er ätzt – und gibt sich ironisch. Womit wir bei der Ursache von mancherlei Irritationen wären: Ironie ist mitunter erst auf den zweiten Blick zu durchschauen.
Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet: Verstellung, Vortäuschung. In den Rhetorik-Lehrbüchern heißt es: Die einfachste Form der Ironie besteht darin, das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint.
Wenn Dieter Lintz über den Burschenschaftler Kai Ming Au schreibt: „Wo kommen wir da hin, wenn jetzt jeder dahergelaufene Fidschi das deutsche Wesen verwässert?“ – dann meint er das Gegenteil. Wenn er schreibt, es gehe doch nicht, dass Leute „ohne deutschen Stamm“ die Studentenverbindungen unterwandern – dann meint er das Gegenteil. Er verstellt sich und vertraut darauf, dass der Sinn trotzdem erfasst wird. Der vermeintliche Zuspruch für die Rechtsausleger in den Burschenschaften entpuppt sich in Wahrheit als scharfe Kritik, gipfelnd in der Schlusspointe: ab mit den Deutschtümlern ins Museum, und zwar in die Zombie-Abteilung!
Ironie – versteht der Leser nie. Ein Merksatz, den jeder Journalist kennt. Wenn Ironie in der Tageszeitung, dann bitte dosiert und wohlüberlegt, am besten nur in abgesteckten Reservaten, ausgewiesen als Glosse, stets an einem festen Platz. Die Reaktionen des Publikums sind ohnehin geteilt: Die einen ergötzen sich daran, die anderen sitzen auf dem Sofa und nehmen übel.
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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