Derowegen eile zum Schluß …

Herr B. aus der Eifel meldet sich häufiger zu Wort. Hier zwei seiner Beiträge (in Auszügen):
Die Antworten aus der Chefetage sind reichlich lang, aber es wird gekonnt und überzeugend gekontert. Herr Reinhart hat eine Engelsgeduld und nimmt die Leser ernst; er bleibt freundlich – auch bei forschen Attacken. Er weiß wahrscheinlich gar nicht, dass seine Texte, losgelöst vom journalistischen Genre, bei Kritikgesprächen/Tadel/Rüge mitunter Schrittmacherdienste leisten. Übrigens: beidseitig! Die Überschriften sind „Böller“, von wegen plump!
[…]
Herr Reinhart, Sie bleiben bei unangenehmen Briefen sehr besonnen, friedfertig, behalten die Balance – und eröffnen mit „Sehr geehrter Herr …“ und schließen unbeirrt „Mit freundlichen Grüßen“. Das ist nicht korrekt,
schon gar nicht echt, höchstens allgemein gültig, ein Stück Etikette – mit einer Prise Unehrlichkeit.
Wenn jemand stark verärgert ist, kommen diese Interjektionen nicht von Herzen, sind sogar von der Situation und vom Gespür her nicht statthaft. Ich schlage vor:
Ihnen, Herr B., möchte ich … (Eröffnung)
Mit Grüßen aus dem Islek … (Schlussformel)
Im Fazit: Sprache entrümpeln, gespielte Freundlichkeit nicht zulassen.

Lieber Herr B.,

danke für Ihre Mails. Diese Kolumne hat den Charakter eines Briefwechsels. Keines hochoffiziellen, von Amts wegen, sondern eines im Plauderton vorgetragenen Gedankenaustauschs. Kein Geschäftsbrief, kein Behördenbrief, kein Liebesbrief, kein Bettelbrief, kein Serienbrief, sondern (meist) launige Antworten auf (manchmal) launische Fragen.

Geheuchelte Freundlichkeit? Nein. Höflichkeit ist keine Floskel. Egal, ob die Leser lästern oder loben – ich schätze den Dialog. Nie geht es um persönliche Auseinandersetzungen, immer um die Sache. Daher stets dieselbe Grußformel: Liebe Frau ABC, lieber Herr XYZ.

Ich wähle diese Anrede, weil sie mir zeitgemäßer und persönlicher erscheint als das steife „Sehr geehrte …“.
Ungehörig wäre es, wenn ich darauf verzichten oder wohlmeinende Leser anders begrüßen würde als diejenigen, die sich kritisch äußern oder auch mal herzhaft auf den Volksfreund schimpfen.

Was wir im Forum erörtern, ist öffentlich. Kein privater Schriftverkehr, sondern eine journalistische Textsorte. Viele Leser haben daran teil, oft verhandeln wir Themen, die über den Tag hinausreichen. Die Tonalität der Kolumne ist eine andere als in vertraulicher Korrespondenz üblich.

In der elektronischen Post, in sozialen Netzwerken, in Diensten wie Twitter spielt die förmliche Anrede kaum noch eine Rolle. Das schlägt sich über kurz oder lang wohl auch in der klassischen Kommunikation nieder: Die althergebrachten Gepflogenheiten der Brief-Etikette ändern sich – wieder einmal.

Ungewöhnlich ist derlei nämlich nicht. Versetzen wir uns einige Jahrhunderte zurück, ins Zeitalter des Barock, als die Sprache unter Puder und Perücken zu ersticken drohte und selbst kurze Sätze ins Uferlose mäanderten. Dazumal eröffnete etwa Johann Sebastian Bach seine Schreiben mit gezierten Girlanden:

Hoch Wohlgebohrner Herr.
Ew: Hochwohlgebohren werden einem alten treüen Diener bestens excusieren, daß er sich die Freyheit nimmet Ihnen mit diesen zu incommodiren. […]

Die Schlussformel des genialen Komponisten:

[…] Ich überschreite fast das Maaß der Höflichkeit wenn Eu: Hochwohlgebohren mit mehreren incommodire, derowegen eile zum Schluß mit allem ergebensten respect zeit Lebens verharrend.
Eu: Hochwohlgebohren gantz gehorsamst-ergebenster Diener Joh: Sebast: Bach. Leipzig. den 28. Octobr. 1730.

Witzbolde wie der großartige Dichter Gryphius machten sich seinerzeit über das gestelzte Gehabe lustig, beispielhaft in dem Lustspiel „Absurda Comica oder Herr Peter Squentz“ (entstanden um 1650):

Edler, Woledler, Hochedler, Wohledelgeborner Herr Pickelhäring von Pickelhäringsheim und Saltznasen […]

Über den Wandel des Briefstils im Laufe der Zeiten ließe sich, lieber Herr B., noch viel sagen. Ich schließe für diesmal mit allem Respekt, nicht ohne Ihre Bemerkung aufzunehmen, ob die Kolumne denn immer so lang sein müsse. Die Antwort lautet: Nein.

Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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