Vergesst den Bauch nicht

Frau B. aus Trier meint: Missbrauch und Misshandlung – der Volksfreund schreibt auf Seite eins für mein Gefühl zu oft und immer reißerischer über Mord und Vergewaltigung und andere abscheuliche Verbrechen. Gibt es denn keine wichtigen politischen Nachrichten!?

Liebe Frau B.,
vielen Dank für Ihre Mail. Was darf, was kann, was soll, was muss berichtet werden? Wie umfangreich? Auf Seite eins oder weiter hinten? Diese Fragen beschäftigen uns in jeder Redaktionskonferenz, also zwei- bis dreimal täglich.

Ein Rückblick auf die Volksfreund-Aufmacher dieser Woche: Region (der Rheinland-Pfalz-Tag in Prüm), Politik (der Atomausstieg und die Konsequenzen für die Energieversorgung), Gesellschaft (der Fall Kachelmann und die Folgen für die Justiz), Verbraucher (der Darmkeim und der Gemüse-Boykott), Soziales (das Aus für den Zivildienst und die Nachwehen). Dazu Aufreger wie die Festnahme des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Ratko Mladic oder die Serie von Brandstiftungen in Trier. Alles in allem: ein typischer Mix.

Aus dem ewigen Mahlstrom der Nachrichten wählt die Redaktion das Wichtigste, Spannendste, Wissenswerteste aus. Größter gemeinsamer Nenner: das, was unmittelbar vor der Haustür der Leser geschieht.

Wie erkenne ich, ob eine Geschichte bei den Menschen ankommt und für Gesprächsstoff sorgt – am Frühstückstisch, auf dem Markt, am Arbeitsplatz, im Vereinsheim? In der Theorie ganz einfach – mit Hilfe von Küchenzuruf, Fensterbrüller oder Honey-Story. Was ist das? Schlagen wir mal im „Handbuch des Journalismus“ von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue nach:

  • Henri Nannen, der Erfinder der Zeitschrift Stern, hat den Küchenzuruf geprägt. Jede Reportage, jeder Bericht muss auf einen Dollpunkt zulaufen, der den Leser in Erstaunen versetzt, ihm ein Aha-Erlebnis vermittelt – und zwar so, dass es ihn drängt, diesen Dollpunkt in die Küche zu rufen, wo seine Frau kocht. Ungefähr so: „Unglaublich, Wilma, hast du gewusst, dass …!?“ Abgesehen von dem antiquierten Frauenbild ist Nannens Küchenzuruf ein probater Test, ob eine Story gut erzählt ist und als Aufmacher taugt.
  • Gleiche Methode: der Fensterbrüller („Wie heißt der Satz, den Sie aus dem Fenster brüllen würden?“).
  • Amerikanische Redaktionen fahnden nach der Honey-Story: jenem Artikel, den die Frau bei der Zeitungslektüre in der Früh so großartig findet, dass sie ihren Gemahl wachrüttelt: „Stell‘ dir vor, Honey …!“

Das abwertende Schlagwort reißerisch kommt oft ins Spiel, wenn es gilt, eine Meinung zur angeblich miesen Qualität einer Zeitung kundzutun (neben so herrlichen Prädikaten wie Revolverblatt oder Käseblatt).
Was bedeutet reißerisch? Grell und auf billige Art wirkungsvoll, steht im Duden. Woanders finden sich Umschreibungen wie aggressiv, laut, aufreizend, aufdringlich, überspitzt, überzogen, plakativ, knallig, widerlich, taktlos, zudringlich, unverschämt und dergleichen.

Wichtig: Nicht ein Thema ist reißerisch, sondern die Art und Weise, wie es aufbereitet wird – Schlagzeile, Wortwahl, Foto.

Ein Klassiker aus dem unerschöpflichen Bild-Fundus mag als Beispiel dienen: „Menschenfresser tanzte mit nackter Liebespuppe.“ Das ist reißerisch. Aufgebauscht. Sensationslüstern. Auf Krawall gebürstet.

Der Boulevard macht Stimmung mit Vokabeln wie Angst, Wut, Chaos, Panik, Horror. Immer wieder das bekannte Muster: Renten-Angst, Benzin-Wut, Euro-Chaos, Atom-Panik, Horror-Keime. Jeden Tag ein neuer Weltuntergang.

Derlei marktschreierische Anbiederung finden Sie in Abonnement-Zeitungen nicht (sagen wir lieber: selten), zumindest nicht in solch apokalyptischer Ausprägung. Aktuelles Beispiel: der Alarm im Darm der Boulevardzeitungsmacher.

Bild: So wütet der Killer-Keim.
Volksfreund: Gefährlicher Darm-Keim breitet sich aus.

Noch Fragen!?

Alle Journalisten versuchen, ein möglichst großes Publikum für ihre Geschichten zu gewinnen. Im Grunde geht es dabei immer um das Geheimnis der Kommunikation: Wie erreicht der Sender mit seiner Information den Empfänger? Der Werbe-Guru Jean-Remy von Matt hat das jüngst so auf den Punkt gebracht: „[…] bleibt der von uns umworbene Mensch – und nur um ihn geht es – dieses hochemotionale Wesen mit Freuden, Hoffnungen, Sehnsüchten und Ängsten. Ihn gilt es zu interessieren, zu begeistern, zu provozieren, zu stimulieren, zu motivieren, zu involvieren. Und nicht nur gezielt zu treffen und mit Nutzen zu versorgen. […] Aber sind nicht gerade die stärksten emotionalen Erlebnisse oft singulär, auf den Moment bezogen und ziemlich irrelevant? Wie etwa ein Kuss, ein Tor oder ein Song? Fazit: Bei allem Kopf, vergesst den Bauch nicht.“

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Veröffentlicht inAllgemein

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