Bäh-Wörter und gestopfte Würste

„Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf.“ Ein legendärer Ratschlag von Kurt Tucholsky, veröffentlicht 1929 in der Zeitschrift Weltbühne. Der Schriftsteller und Journalist wendet sich an alle, die schreiben oder als Redner auftreten: „Wer schludert, der sei verlacht, für und für. Wer aus Zeitungswörtern und Versammlungssätzen seines dahinlabert, der sei ausgewischt, immerdar.“

Was will uns Tucholsky sagen? Pflegt die Sprache, hütet sie, liebkost sie, streichelt sie – und malträtiert sie nicht. Bitte kein Beamtendeutsch! Weg mit dem Kasinojargon näselnder Leutnants! Schluss mit den nervenden Modewörtern! Spart euch die Floskeln! Verzichtet auf Fremdwörter!

„Was in den Zeitungen aller Parteien auffällt“, notiert Tucholsky, „ist ein von Wichtigkeit triefender und von Fachwörtern schäumender Stil. Die Unart, in alle Sätze ein Fachadverbium hineinzustopfen, ist nunmehr allgemein geworden. Man sagt nicht: ‚Der Tisch ist rund.‘ Das wäre viel zu einfach. Es heißt: ‚Rein möbeltechnisch hat der Tisch schon irgendwie eine kreisrunde Gestalt.‘ […] Der betreffende Fachmann will dem Laien imponieren und ihm zeigen, wie entsetzlich schwer dieses Fach da sei […] Die meisten Zeitungsartikel gleichen gestopften Würsten.“

Von den näselnden Leutnants abgesehen wirkt Tucholskys Appell heute so aktuell wie vor achtzig Jahren: lehrreich für jeden Sprach-Arbeiter.

Es kommt ein Aspekt hinzu: die Empfindlichkeit und Befindlichkeit des Empfängers. Wenn Sprache eine Waffe ist, droht Verletzungsgefahr. Mitunter genügt ein Wort (ein falsches?), um Ehen zu ruinieren, Unternehmen in die Pleite zu manövrieren – oder Zeitungsleser in Rage zu bringen. Es ist verblüffend, wie manche Menschen auf vermeintlich harmlose Wörter reagieren. Zwei Beispiele aus dem Volksfreund-Alltag:
?
Ein Studiendirektor a. D. schreibt: Hiermit kündige ich mein Abonnement nach circa 40-jähriger Bezugszeit zum frühestmöglichen Termin, möglichst sofort. Grund: In Ihrem Leitartikel vom 17. Mai (Rot-grünes Streichkonzert) bezeichnen Sie den heute so geforderten Berufsstand der Lehrer als „Pauker“. Ich finde leider keine Basis, um diese Formulierung verbal zu entkräften, es sei denn, man würde in den sprachlichen „Urwald“ abgleiten. Immerhin verschont mich mein Entschluss vor Ärger und Verdruss und verhindert damit gesundheitliche Belastungen.
?
Lieber Herr S.,
nichts für ungut, aber es fällt schwer, Ihre Empörung nachzuvollziehen. Der Autor des Beitrags äußert Verständnis für die geplagten Lehrer, er verwendet den Begriff Pauker keineswegs despektierlich.
Laut Duden gehört der Pauker seit alters zur Schülersprache. In Dutzenden Büchern und Filmen (Heinz Rühmann, 1958!) ist dem Pauker ein Denkmal gesetzt worden. Und ich möchte wetten, dass Sie selbst seinerzeit Vokabeln gepaukt und Ihre Lehrer hie und da Pauker genannt haben. Sei’s drum.

Sprachhistorisch interessant ist der Fall allemal. Dem Grimm’schen Wörterbuch zufolge ist das Verb pauken vom mittelhochdeutschen pûken, bûken abgeleitet: die Pauke schlagen. Der Pauker ist zunächst ein Musikus. Weitere Varianten:

  • der Kanzelpauker, der seinen Schäfchen eine Standpauke (Strafpredigt) hält und seine Tiraden wild gestikulierend untermalt (der pfarrer paukt dann mit dumpfigem geschrei die kanzel, dasz es gellt heißt es beim Dichter Hölty);
  • der Lehrer, der seinen Schülern etwas einpaukt, was anno dunnemals wörtlich zu verstehen war: mit Schlägen auf den Hosenboden – als Arschpauker (pardon, ein Zitat aus dem Grimm’schen Wörterbuch).

Geprügelt wird längst nicht mehr, gepaukt immer noch. Das Wort hat sich verselbstständigt und die ursprüngliche Bedeutung verloren. Der Pauker ist umgangssprachlich ein Lehrer – ohne negative Assoziation.

?Ein anderer Pau…, ähh, Lehrer schreibt: Ich möchte mein Abonnement zum nächstmöglichen Zeitpunkt kündigen. Ausschlaggebend war ein Kommentar im Sportteil. In diesem versteigt sich Ihr Mitarbeiter zu der Behauptung, der Wechsel von Manuel Neuer zum FC Bayern München sei gut für den deutschen Fußball. Als langjähriger Anhänger des FC Schalke 04 empfinde ich diese Äußerung als dreist und anmaßend. […] Glücklicherweise gibt es keine gesetzliche Regelung, die mich oder irgendjemanden dazu zwingen würde, ein Presseorgan, das solche Behauptungen verbreitet, zu abonnieren.
?
Lieber Herr B.,
natürlich zwingt Sie niemand, den Trierischen Volksfreund zu lesen. Ich gebe jedoch zu bedenken: Eine Tageszeitung ist kein Fanmagazin. Der Profifußballer Manuel Neuer will weg von Schalke, was Sie als Anhänger der Königsblauen schmerzt. Das verstehe ich. Ich verstehe nicht, warum Sie dem Volksfreund die Verantwortung dafür anlasten. Wir verkaufen Neuer nicht, wir berichten darüber. Die Argumentation des Kommentators: Wenn schon ein Wechsel, dann doch lieber innerhalb der Bundesliga zum FC Bayern als nach England oder Spanien. Was ist an diesem Gedanken so dreist, so anmaßend, so unerhört?

?Sollen Redakteure jedes – Verzeihung – stinknormale Wort auf die Goldwaage legen? Sich selbst zurechtstutzen, weil womöglich ein Leser unter Hunderttausenden beleidigt aufschreien könnte? Ein Pauker? Ein Schalke-Fan? Dazu noch einmal weise Worte von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1927:

„Kein Zensor ist so streng […] wie jene Zensur, die jede bessere Zeitung im Hause hat: das ist die eigne, die Rücksicht auf den Leser nimmt. Und der schreibt empörte Briefe (die nicht in den Papierkorb fliegen), wenn die Zeitung nicht so redigiert wird, dass ‚meine Tochter und mein halberwachsener Sohn das Blatt lesen können‘. Auf diese Weise bekommen wir denn die Weltgeschichte so dargestellt, wie ein gemäßigter Familienvater sie für seine Lieben adaptiert haben möchte. Der ernste Spaß, die kantige Härte, peitschender Hieb, der die empfindlichen Stellen trifft – sie haben kaum Platz in der Zeitung. […]
In Wahrheit duckt sich alles voller Angst, wenn der Herr Regierungsrat das Blatt abbestellt. Und warum bestellt er’s ab? Früher, wenn etwa das Wort ‚Syphilis‘ ausgedruckt war – heute, wenn in einer Erzählung ‚dem Sinnenkitzel gefrönt‘ wird – und Gott mag wissen, wo dieses Ding in der Provinz sitzt?“

Syphilis, Sinnenkitzel … Pauker, Bayern München – igitt, böse Bäh-Wörter, die darf man nicht in der Zeitung schreiben …

Schöne Grüße!
Peter Reinhart

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.