Nicht so viele Bratwürste, bitte!

Alfons Meyers aus Konz schreibt: Ich habe (mit Interesse) am vergangenen Dienstag auf Seite drei des Trierischen Volksfreunds den Artikel „Grenzenloser Protest gegen Cattenom“ gelesen. Nach dem Lesen habe ich gedacht: Moment, da fehlt doch etwas.

Ich habe den Artikel noch einmal und sorgfältig gelesen. Und tatsächlich, jeder einzelne Redner ist namentlich genannt, nur die Anwesenheit und die Rede des Trierer Oberbürgermeisters Klaus Jensen wurde mit keinem einzigen Wort erwähnt.

Niemand, der nicht dort war, erfährt, dass er und seine Frau Malu Dreyer dort waren und sie sich damit, allein schon durch ihre Anwesenheit, gegen das Risiko engagiert haben, das dieses Kraftwerk für jeden in unserer Region darstellt. Niemand erfährt auch, dass er eine vielbeachtete – und wie ich finde – sehr gute Rede gehalten hat. Seine Ansprache war auch die, die den stärksten Beifall erhielt.

Ich bin selbst dort gewesen, und habe ihn und seine Frau, die rheinland-pfälzische Sozialministerin, auf dem Platz, inmitten der anderen Demonstranten, an einem Tisch sitzend, gesehen und später seine Rede gehört.

Ich halte diese Art der Berichterstattung für Zensur und gezielte Desinformation, die Prawda fällt mir dabei unwillkürlich ein.

Ich glaube nicht, dass es Zufall oder ein Versehen ist.

Es fällt auf, dass Klaus Jensen so gut wie gar nicht vorkommt. Vor Jahren konnte man Ihre „Zeitung“ nicht aufschlagen, ohne dass einem täglich mindestens auf einem Foto das Konterfei von Jensens Vorgänger Helmut Schröer begegnete, mitunter waren sogar auf mehreren Lokalseiten jeweils ein oder sogar mehrere Fotos von Helmut Schröer zu finden.

Es wurde in Trier und Umgebung kein Blumentopf auf eine Fensterbank gestellt und kein Bäumchen gepflanzt, ohne dass anderntags davon ein Bild mit Helmut Schröer im Volksfreund zu finden war. Heute ist exakt das Gegenteil der Fall. Klaus Jensen wird offensichtlich vom Volksfreund sabotiert.

Lieber Herr Meyers,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Der Artikel über die Cattenom-Demo ist kein Glanzstück des Journalismus, da sind wir uns einig. Handwerkliche Mängel, ärgerliche Nickligkeiten. So weit, so unbefriedigend. Dass der Volksfreund den Trierer Oberbürgermeister Klaus Jensen zensiert und sabotiert, wie Sie mutmaßen, ist allerdings, entschuldigen Sie das Wort, absurd. Doch der Reihe nach.

Sie erwarten eine umfassende, informative, ausgewogene regionale Berichterstattung. Das ist auch unser Anspruch. Wie die Redaktion plant, organisiert, recherchiert, warum es manchmal drunter und drüber geht, wenn die Nachrichtenlage sich blitzartig ändert, was sich hinter den Kulissen abspielt, bevor die Zeitung angedruckt wird, all das ist für die Leser unwichtig. Wichtig ist, dass die Qualität des Produkts stimmt. Stimmt sie nicht, lässt sich das meist auf Unzulänglichkeiten zurückführen: mangelhaft geplant, lausig organisiert, schlampig recherchiert.

Derlei passiert hin und wieder, aus den verschiedensten Gründen. Wir versuchen, aus Pleiten, Pech und Pannen zu lernen. In der Blattkritik hinterfragen wir: Was haben wir gut gemacht? Was haben wir nicht gut gemacht? Wie machen wir es beim nächsten Mal (noch) besser? Und wir sind dankbar für Rückmeldungen von Lesern, die uns den Spiegel vorhalten und auf Schwachpunkte hinweisen.

Welche Lehren haben wir aus dem Fall Cattenom gezogen?

  • Es wäre besser gewesen, einen Volksfreund-Reporter nach Frankreich zu entsenden (statt den Beitrag einer Reporterin der Saarbrücker Zeitung zu übernehmen, die das Geschehen durch die Saarland-Brille betrachtet).
  • Es wäre besser gewesen, den Auftrag genauer zu definieren: Schreib‘ auf, was sich zuträgt, und achte besonders auf das, was die Leser des Volksfreunds interessieren könnte (Ostermarschierer aus der Region Trier-Eifel-Mosel-Hunsrück dabei? Wie viele? Redner?).
  • Es wäre besser gewesen, den Text exakt zu prüfen, ehe er ins Blatt gehoben wird, und die Unstimmigkeiten zu klären (leicht gesagt, wenn der Artikel erst wenige Minuten vor Redaktionsschluss vorliegt).

Das Beispiel zeigt, dass kleine Versäumnisse in der Vorbereitung für großen Verdruss sorgen können. Unerquicklich. Aber kein gezielter Affront.

In dieser Zeitung wird niemand hochgejubelt und niemand totgeschwiegen. Und selbstverständlich kommt der Trierer Oberbürgermeister vor. Wann immer spannende Themen verhandelt werden, wann immer bedeutende Ereignisse dräuen.

Ihre Beobachtung ist richtig: Vor Jahrzehnten war der Volksfreund (wie die meisten anderen Zeitungen auch) eher wie eine Chronik angelegt: mit viel mehr Berichterstattung über Termine samt Fotos von Einweihungen, Spatenstichen, Scheckübergaben, händeschüttelnden oder Bänder durchschneidenden Würdenträgern. Spötter nennen das Bratwurst-Journalismus.

Was wunder, dass umtriebige Menschen wie der frühere Trierer Wirtschaftsdezernent und spätere Oberbürgermeister Helmut Schröer oder der Trier-Saarburger Landrat Richard Groß tagein, tagaus aus der Zeitung grüßten. Doch das liegt etwa 20 Jahre zurück.

Längst ist die Herangehensweise eine andere. Stärker an Themen orientiert, weniger an Terminen. Mehr erklärend als (nur) berichtend. Bemüht, die Zusammenhänge aufzuzeigen, die Hintergründe aufzudröseln, zu erkunden, was hinter den nackten Nachrichten steckt.

Das gelingt nicht immer, aber immer öfter. Das Verlaufsprotokoll einer drögen Debatte im Stadtrat? Nein! Die wichtigsten Ergebnisse bitte, und was sie für die Leser bedeuten!

Das tausendste Bild von einer Grundsteinlegung mit lokalen Politgrößen? Nein! Lieber eine Grafik, die einen Eindruck davon vermittelt, wie das Gebäude dereinst aussehen wird!

Die Zahl der Politiker-Bilder im Blatt ist generell zurückgegangen, ob es sich um den Trierer Oberbürgermeister handelt oder um die Bundeskanzlerin. Stattdessen: mehr themenbezogene Motive – und Fotos, die keine Großkopfeten zeigen, dafür ganz normale Leser.

Wenn Klaus Jensen den chinesischen Botschafter empfängt, wenn er an Fastnacht mit den wilden Weibern auf dem Hauptmarkt feiert, wenn er Norbert Blüm den Nell-Breuning-Preis überreicht – dann ist das ein Foto wert. Ein Foto, das nicht unbedingt ein Dokument der Zeitgeschichte sein muss, das aber eine Nachricht transportiert oder zumindest ein origineller Hingucker ist. Und nicht „einfach so“ entstanden ist, weil mal wieder Bratwurstfest ist …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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1 Kommentar

  1. Die Antworten aus der Chefetage sind reichlich lang, aber es wird gekonnt und m.M. nach überzeugend gekontert. Herr P.Reinart hat eine Engelsgeduld und nimmt die Leser/-innen ernst; er bleibt freundlich – auch bei forschen Attacken. Er weiß wahrscheinlich gar nicht, dass seine Texte, losgelöst vom journalistischen Genre, bei Kritikgesprächen/Tadel/Rüge mitunter Schrittmacherdienste leisten. Übrigens: beidseitig!
    Die Überschriften sind „Böller “ , vonwegen plump!

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