Der denglische Patient

Egon Weyand aus Butzweiler schreibt: „Deutsches Sprach‘, schweres Sprach‘, da kann man sich nicht sich nicht quetschen aus.“ So hat sich einmal ein Bekannter, der vor vielen Jahren aus der UdSSR nach Deutschland kam, über die Schwierigkeiten im Umgang mit der deutschen Sprache beschwert. Zugegeben, Deutsch ist eine schwierige Sprache. Insbesondere die Rechtschreibung bereitet vielen Deutschen enorme Schwierigkeiten und vielen Immigranten erst recht.

Selbst auf die Gefahr hin, dass ich ein von Ihnen bereits behandeltes Thema erneut aufgreife, möchte ich dennoch auf den Artikel „Informationsflut belastet die Deutschen“ vom 2./3. April zu sprechen kommen, in dem sich laut einer Umfrage des Hamburger Aris-Instituts 39 Prozent der über 65-jährigen Deutschen über den sogenannten „Information Overload“ beklagen.

Seit einigen Jahren, insbesondere seitdem Internet, Handy und die restlichen Hilfsmittel der heutigen Zeit unseren Alltag prägend mitbestimmen, nehmen Begriffe aus dem englischen Sprachgebrauch eher noch zu. Ich bin überzeugt, dass wir unserer Muttersprache dadurch großes Unrecht zufügen. Deutsch ist eine sehr interessante Sprache; schwierig und höchst anspruchsvoll. Das ist es, was sie in meinen Augen so besonders macht, und ich hielte es für außerordentlich begrüßenswert, wenn dies von den Verantwortlichen des TV ebenso gesehen und umgesetzt würde. Kleine Anekdote: Wir wurden in der Schule in vier Fremdsprachen unterrichtet: in Englisch, Französisch, Latein – und in Deutsch.

Lieber Herr Weyand,

vielen Dank für Ihre Zeilen. Über sprachliche Schlamperei und schludrig bearbeitete Texte ärgern sich viele Zeitungsleser – ich auch! In der Rangliste der Stil-Sünden stehen Anglizismen ganz vorn. Alberne, anbiedernde, affige (Un-)Wörter englischer Herkunft, die sich wie ein Virus ausbreiten. Wer nicht immun ist, fängt sich die Krankheit ein.

Ich gehöre nicht zur Kaste der Deutschtümler, die für alles, was fremd klingt, eine Übersetzung fordern: Klapprechner statt Laptop, Prallkissen statt Airbag, Rechner statt Computer. Muss das so radikal sein? Nein.

Die Sprache wandelt sich, der Wortschatz wächst – weil die Welt sich wandelt und wir ständig neue Wörter erfinden, um Dinge zu benennen, die es bislang nicht gab. Ohne Unterlass brodelt die Buchstabensuppe. Mal ziehen wir aus dem Gebräu eine frische Kunstwort-Kombination heraus, mal einen gut abgehangenen Ausdruck aus einem Szenejargon, mal einen Terminus aus der Wissenschaft, mal ein Wort aus einer Weltsprache (momentan Englisch, im Mittelalter war es Latein, später Französisch, dereinst vielleicht Chinesisch).

Jedes Jahr legt die deutsche Sprache um Hunderte von Neologismen zu (Griechisch: neo = neu, logos = Wort, Rede, Sinn, Vernunft). Begriffe wie Computer, Airbag oder Laptop sind den meisten Deutschen geläufig, fast jeder kann sich darunter etwas vorstellen. Und das ist die entscheidende Anforderung an Sprache: Verständlichkeit.

Für Verdruss sorgen Bläh-Wörter, die wichtigtuerisch, aufgeblasen, lächerlich daherkommen – und die niemand braucht. Information Overload ist solch ein fieser Erreger aus der Abteilung Modern Talking. Wie und warum gerät derlei ins Blatt? Der Übertragungsweg ist leicht zu rekonstruieren: Ein Reporter der deutschen Presse-Agentur (dpa) schmuggelt die englische Vokabel in seinen Bericht ein, der zuständige Redakteur lässt sie wider besseres Wissen passieren, die Korrekturleser schlagen nicht Alarm – und schwuppdiwupp ist der Artikel infiziert.

Verstehen die beim Volksfreund ihr Handwerk nicht, fragen Sie? Ist die Mannschaft nicht geimpft gegen die grassierende Anglomanie?

Doch! Die Redaktion operiert Tag für Tag denglische Geschwülste zuhauf aus Texten heraus. Aber der Overload (wörtlich: Überlast) ist so gewaltig, dass hie und da etwas unentdeckt bleibt. Kein Wunder: Die Popkultur orientiert sich am American way of life. Wer hip sein will, ahmt das Gehabe und die Sprache der Stars nach. Wie redet also ein Politiker, der in Talkshows um die Gunst der jungen Wähler buhlt? Wie dokumentiert der Metzger um die Ecke seine Weltläufigkeit? Wie dröhnt es auf dem Sportplatz aus den Lautsprechern? Hören Sie, schauen Sie mal hin …

Die Versuchung lauert überall. Journalisten schreiben auf, was die Menschen umtreibt, sie hören ihnen zu, sie fangen ihren Alltag ein, sie senden O-Töne im Fernsehen und Radio. Und schon haben wir den Wort-Salat.

Sprache lebt, wie ein Organismus. Alte Wörter sterben aus, neue werden geboren – und entwickeln sich mitunter über Nacht zu Alleskönnern. Der Stresstest zum Beispiel. Banken, die Bundeswehr, Euroländer, Atomkraftwerke, Lebensversicherungen, die Regierung Merkel, Stuttgart 21, die Bundesgartenschau in Koblenz – ein Stresstest jagt den nächsten.

Das Modewort stammt, wie könnte es anders sein, aus dem Englischen und wird seit langem von Medizinern, Psychologen und Wirtschaftswissenschaftlern verwendet. Die Scientology-Sekte traktiert ihre Opfer mit Stresstests, meist im Verborgenen. Kaum jemand hat von dem Wort gewusst. Bis ein kreativer Krisen-Berichterstatter den Stresstest in die Populärmedien einführte. Und plötzlich ist er in aller Munde.

Inzwischen ist sogar ein Verb auf dem Markt: Heute schon gestresstestet? Au weia, heftiger Befall mit dem Dummdeutsch-Bazillus, ab mit dem denglischen Patienten auf die Intensivstation. Quarantäne, für immer!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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1 Kommentar

  1. Schön wäre es, wenn nun auch noch der Deppenbindestrich konsequent eliminiert würde.

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