Was Pfeifenbläser antreibt

Ein anonymer, mit Bleistift geschriebener Brief: Wie lange will der TV noch schweigen zu den schmutzigen Machenschaften des Herrn […] seit Monaten kein Cent mehr überwiesen […] von Woche zu Woche belogen und betrogen. Ich kann leider nur anonym schreiben (familiäres Umfeld).

Liebe(r) Leser(in) ohne Namen,

schade, schade: Sie wissen offenkundig etwas, was wir nicht wissen. Das zumindest entnehme ich Ihren Andeutungen. Wenn Sie Ihr Wissen mit uns teilen würden, wenigstens ein bisschen, könnten wir nachforschen und vielleicht „schmutzige Machenschaften“ aufdecken.

So haben wir nicht mehr als den vagen Verdacht, dass möglicherweise irgendwo irgendetwas mit Herrn XYZ und seinen Finanzen nicht stimmt – und keine Chance, das zu prüfen. Wirklich schade.

Ein anonymer Tipp mag den Anstoß für eine Enthüllungsgeschichte liefern. Bevor jedoch eine Nachricht daraus wird, braucht es Recherche. Gründliche Recherche. Und mitteilsame Informanten, die Kenntnis von Vorgängen besitzen, an die Journalisten (und somit die Öffentlichkeit) nicht ohne weiteres herankommen. Insider, die bereit sind, etwas preiszugeben, ohne selbst in Erscheinung zu treten.

Wer uns vertrauliche Einblicke gewährt, muss nicht fürchten, dass seine Identität bekannt wird. Die Quellen sind geschützt, das garantiert die im Grundgesetz verankerte Pressefreiheit. Und das Redaktionsgeheimnis hat selbst vor Gericht Bestand. Nur Mut also, füttern Sie uns mit Informationen!

Ungezählte Skandale und Affären sind dank hartnäckig bohrender Medienleute aufgeflogen. Meine schon häufiger erwähnten Lieblingsbeispiele: Watergate (Washington Post) und Doerfert (Trierischer Volksfreund). Egal, ob Hauptstadtblatt oder Regionalzeitung, ohne Tippgeber läuft nichts. „Deep Throat“ (Tiefer Schlund) war der Deckname des kundigen Kontaktmanns, der Anfang der 70er Jahre die Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward mit Details über den Amtsmissbrauch im Weißen Haus versorgte; am Ende stürzte der republikanische Präsident Richard Nixon. Dass es sich bei „Deep Throat“ um einen hochrangigen Agenten des FBI handelte, stellte sich erst Jahrzehnte später heraus – kurz vor seinem Tod stimmte William Mark Felt seiner Enttarnung zu.

Wer vor gut einem Dutzend Jahren im Fall Doerfert plauderte und damit investigative Volksfreund-Recherchen in Gang setzte, verrate ich nicht. Absolute Diskretion, versprochen!

Ein weites Feld: Wenn Politiker sich freuen (oder ärgern), dass wieder einmal Interna in die Medien gelangt sind, hat meist ein Parteifreund (oder Parteifeind) etwas „durchgestochen“. Für die einen Geheimnisverrat und Denunziantentum, für die anderen ein Beitrag zu Transparenz und Aufklärung.

Die Motive der „Durchstecher“ sind unterschiedlich, sie reichen von schlichter Rache und dem Versuch, die eigene Position im Machtgefüge durch Schwächung von Kontrahenten zu verbessern (häufig) über ethisch-moralische Bedenken wegen fieser Tricks (hin und wieder) bis zur schnöden Bezahlung (selten, beim Trierischen Volksfreund nie).

Die Journalistenflüsterer werden auf Neudeutsch auch „Whistleblower“ genannt. Der Begriff stammt aus England und bedeutet wörtlich: die Pfeife blasen. Im übertragenen Sinn: Alarm schlagen, auf Missstände oder Gefahren hinweisen, geheimes Material beschaffen.

Nicht nur politische Nachrichtenhändler wenden sich an die Medien. Oft sind es Beschäftigte in Unternehmen oder Behörden, die Mauscheleien oder Gesetzesverstöße publik machen wollen. Eine Spedition, die ihre Fahrer zwingt, die Lenkzeiten zu überschreiten. Eine Wurstfabrik, die Gammelfleisch auf den Markt wirft. Eine Kernforschungsanlage, in der Strahlenschutz-Vorschriften ignoriert werden. Ein Rathaus, in dem sich Mitarbeiter schmieren lassen. Ein Sportverein, dessen Manager nicht mit Geld umgehen kann. Und so weiter, und so weiter. Oft findet sich ein Wissender, der die Pfeife bläst – und Journalisten auf die Fährte setzt …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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