Hyper, hyper!

Dieter Rass schreibt per E-Mail: Wenn die dreifache Jahrhundertkatastrophe in Japan und die Querelen beim Trainerwechsel des HSV beide mit dem Wort „Chaos“ in der Balkenüberschrift klassifiziert werden (was auch regelmäßig bei Schneefall im deutschen Winter passiert), sind die sprachlichen Verhältnismäßigkeiten doch arg strapaziert. Diese Strapazen sollte man den Lesern besser ersparen. Im Zweifelsfall sollte Sprache präziser sein und weniger „Bild“-haft.

Lieber Herr Rass,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Ich stimme Ihnen völlig zu. Super, mega, giga – manchen kann es nicht groß genug sein. In den Medien, in der Werbung, in der Politik. Ein paar Schneeflöckchen auf den Straßen mitten im Winter – schon ist vom Chaos die Rede. Ein verschossener Elfmeter in einem Fußballspiel – prompt fällt das Wort katastrophal. Ein fescher Jungpolitiker mit schneidigem Auftritt, der die Massen begeistert – und es rauscht im Blätterwald, als sei ein Messias geboren.
Warum dieser Hang zur maßlosen Übertreibung? Warum diese Überhitzung? Warum diese Überdrehtheit?
Die Währung in unserer Telekratie ist: Aufmerksamkeit. Wer am lautesten schreit, findet Gehör. Wer sich nicht Gehör verschafft, verschwindet von der Bildfläche. Denn das Publikum stumpft rasch ab, zu vielfältig sind die Ablenkungen. Gewöhnung droht, vielleicht Langeweile.

Ein Beispiel: Fernseh-Macher fürchten nichts so sehr wie das Zapping der Zuschauer, das Umschalten von einem Sender zum nächsten. Aus purem Überdruss. Also drehen die Zeremonienmeister des Amüsierbetriebs den Regler hoch: Das Geschrei wird noch ein bisschen lauter, die Spannung noch ein bisschen gesteigert, die Emotion noch ein bisschen gepuscht. Super, mega, giga. Allzu oft ist es viel Lärm um Nichts. Hauptsache hyper, hyper!

Wie lächerlich dieses Gewese ist, wie entlarvend, zeigt sich, wenn wir nach Wörtern suchen, um Ereignisse wie die in Japan zu beschreiben. Erdbeben, Flutwelle, nukleares Grauen.

Wir behelfen uns in solchen Situationen mit den ältesten Begriffen, die wir im Abendland kennen, um unsagbar Trauriges, unfassbar Entsetzliches, unheimlich Gefährliches zu benennen: Apokalypse, Chaos, Katastrophe, Krise, Panik, Tragödie. Allesamt altgriechischen Ursprungs und im Wortschatz verankert, seit Dichter wie Sophokles, Aischylos und Euripides vor zweieinhalbtausend Jahren die schicksalhafte Verstrickung des Menschen in ein auswegloses Verhängnis thematisierten. Die Katastrophen-Metaphorik findet sich freilich nicht nur in den Medien, sondern überall in der Alltagssprache.

Eine Tragödie kann sich im Kleinen ereignen – etwa wenn eine ganze Familie bei einem Autounfall durch einen Geisterfahrer ausgelöscht wird. Das Chaos kann im Privaten wüten – etwa wenn Papa schimpft, weil Sohnemann sein Zimmer nicht aufräumt, oder wenn Mama vom Durcheinander im Büro berichtet. Der Meteorologe Edward Lorenz gilt als Vater der Chaostheorie, derzufolge alles mit allem zusammenhängt: Ein Schmetterling, der in Trier mit seinen Flügeln wackelt, kann theoretisch einen Wirbelsturm in New York auslösen.

Genauso verbreitet wie das überspannte Tremolieren und Tirilieren ist das Verharmlosen und Vernebeln mittels Sprache: Euphemismen, Glimpf-, Hohl- und Hehlwörter, Beschönigungen und Verbrämungen begegnen uns zuhauf.

Als es in den 60er und 70er Jahren darum ging, den Deutschen die Vorteile der Stromerzeugung per Kernspaltung nahezubringen, ersannen Lobbyisten und Politiker eine neue Terminologie. Es gab plötzlich die Gegner der Atomkraft (böse!), aber die Befürworter der Kernenergie oder Kerntechnik (gut, fortschrittlich!). Eine kernige Sache, positiv besetzt! Atombomben sind nicht beliebt, also tauften die Bläh-Boys sie in Kernwaffen um. Als Atomminister firmierte einst Franz Joseph Strauß, heute ist Norbert Röttgen der zuständige Mann fürs strahlende Geschäft und leitet das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Ach ja: Schneller Brüter, nuklearer Entsorgungspark, Restrisiko, Brückentechnologie – Beruhigungspillen, Opium für das Volk.

Vergangenen Herbst verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel eine „Revolution in der Energieversorgung“ – weil die alten deutschen AKW länger laufen sollten als geplant. „Im Lichte neuer Erkenntnisse“ hat die CDU-Politikerin nun faktisch das Ende des Atomzeitalters eingeläutet, na ja, zumindest vorläufig.

Noch doller: Wirtschaftsminister Rainer Brüderle dröhnte unlängst, ohne Atomkraftwerke würden „die Lichter ausgehen“. Jetzt schwadroniert der FDP-Filou: War nicht so gemeint …

Merke: Gegen Verschleierung und katastrophal-chaotische Verirrung hilft nur eins. Sagt die Wahrheit! Sprecht Klartext!

Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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