Endstation Sehnsucht

Hans-Richard Günther aus Trier schreibt: Wer ist da adlig? Auf welche Weise Minister Guttenberg seinen Doktortitel erwarb, ist durchaus interessant und beleuchtenswert, soll aber hier nicht mein Thema sein.

Meine Kritik richtet sich an die Redaktion mit ihrer Formulierung: „Den erwarb der Adlige …“

Überhaupt nicht unüblich auf der letzten Seite des TV, wo man glaubt, vermeintliche Leserinteressen bedienen zu müssen, aber auch auf politischen Seiten sind immer mal wieder Formulierungen zu finden, denen man entnehmen müsste, es gäbe noch den Adel und damit auch Adlige in Deutschland. Mit Artikel 109 der Weimarer Reichsverfassung wurden alle Vorrechte des Adels abgeschafft. Nicht so konsequent wie in Österreich, das alle Adelstitel tilgte, durften ehemalige Adelsprädikate in Deutschland als Namensbestandteil weitergeführt werden.

Die Bezeichnungen von und zu, Prinz oder Gräfin bedeuten demnach nicht, dass es sich um Adlige handelt. Auch wenn Presse und Funk zum Beispiel vom Grafen Lambsdorff sprechen und nicht von Herrn Graf Lambsdorff. Die Träger solcher vermeintlichen Adelsbezeichnungen tun alles, um sich von „einfachen Volk“ abzugrenzen, exklusiv zu bleiben und sich Privilegien zu erhalten.

Warum machen Journalisten das mit? Wen wollen sie damit beeindrucken? Oder sind sie selbst so beeindruckt? Das geht gelegentlich so weit, dass sie derlei Namensträger auf Wunsch mit „Königliche Hoheit“ ansprechen. Entgehen könnte man dem mit einem konsequenten Namensrecht auch in Deutschland.
Ich für meinen Teil lebe gern in unserer parlamentarischen Republik und bekenne mich zu ihr. Auf den Adel kann ich liebend gern verzichten.

Lieber Herr Günther,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Seinen frech erschlichenen „Dr. iur.“ ist Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg los, und ein Adelsprädikat hat er nie besessen. Ganz richtig: In der Weimarer Republik wurden 1919 sämtliche Privilegien der Blaublüter abgeschafft. Die früheren Titel sind nicht mehr als x-beliebige Silben des Nachnamens. Aus. Schluss. Vorbei.

Und doch begegnen uns in den Medien ständig „Adlige“. Die Klatschblätter huldigen den Hochwohlgeborenen in untertänigster Hofberichterstattung. Gesamtauflage: fast zehn Millionen Zeitschriften, Woche für Woche. Treue Monarchisten in den Society-Redaktionen der Boulevardzeitungen bedichten eifrig das Treiben der oberen Zehntausend. Fernsehproduzenten aller Sender lecken sich die Finger nach süffigen Herz-Schmerz-Geschichten aus den Schlössern und Trutzburgen, denn die garantieren Quote. Und selbst kreuzbrave, republikanisch gesinnte Regionalzeitungsmacher werfen ab und an einen verschämten Blick durchs Schlüsselloch in die plüschigen Gemächer der Nobilitäten.

Von nix kommt nix: Die Nachfrage der Leser und Zuschauer ist enorm. Warum bloß liebt das Publikum die schrecklich schwülstigen Glanz&Gloria-Schmonzetten? Warum dürstet es offenkundig jeden zweiten Deutschen nach derlei Volksbelustigung?

Inmitten all der Trübnis auf Erden liefern die Schönen, Reichen und Berühmten ein schillerndes Gegenbild zum tristen Alltag. Endstation Sehnsucht: Unter den Trockenhauben der Nation träumen sich Krethi und Plethi, angeregt von kunterbuntem Lesestoff, direkt in die Märchenwelt derer von und zu. Und wenn Europas Blaublüter sich paaren, juchzt der ganze Kontinent – demnächst in diesem Theater: die Vermählung von William und Kate, der britischen Krone ganzer Stolz. Schluchz!

Als sich das Glitzerpaar Karl-Theodor und Stephanie zu Guttenberg anschickte, das Parkett des Berliner Politbetriebs zu erobern, begann ein Hype ohnegleichen. „Brauchen wir mehr Adel in der Politik?“, japste alsbald die „Bild“-Zeitung. „Die fabelhaften Guttenbergs“, schmachtete „Der Spiegel“. War das Ironie? „Die Zeit“, Zentralorgan der Intelligenzija, widmete dem Phänomen mehrere gewichtige Beiträge – und adelte, ganz nebenbei, den Strahlemann. Der „Freiherr“ rutschte nämlich dahin, wo er von Rechts wegen nicht hingehört: ganz nach vorne, vor Guttenbergs Vornamensgebirge. Und alles schien wie anno dunnemals, zu Kaisers Zeiten.

Warum ist ein gesellschaftlicher Stand, den es seit Generationen nicht mehr gibt, plötzlich wieder so populär? Eine wunderbare Deutung dieses Rätsels habe ich kürzlich in der „Neuen Zürcher Zeitung“ gelesen: „Guttenberg traf einen Nerv. Schneidig und doch lässig, stylish und anscheinend voller Empathie, bodenständig in oberfränkischen Bierzelten und den Haien der Wall Street gewachsen. 850 Jahre Familiengeschichte, ‚Connections‘ zum Widerstandshelden Stauffenberg und dem Eisernen Kanzler Bismarck, das Schloss, der Forst, die Jagd, das blitzende Auge, die Grübchen, der lächelnde Mund, die schöne, blonde, grundgute Frau. Und summa cum laude promoviert, was niemanden interessierte. So ist er, der Adel. Das ist anderes Holz als die grauen Pofallas, Köhlers und Schavans. Politiker ohne Klasse.“

Damit wäre, neben dem piefigen Verlangen nach ein bisschen Noblesse, der zweite Grund für Guttenbergs Aufstieg zur Lichtgestalt benannt: Er verkörpert für viele politik- und politikermüden Deutschen die „letzte Hoffnung“, eine scheinbar perfekte Projektionsfläche für Wünsche und Träume: edler, anständiger, vertrauenswürdiger als die üblichen Verdächtigen „da oben“, die ihre Wähler so oft enttäuschen. Nun ja.

Ob Guttenberg dereinst auf die große Bühne zurückkehren wird, steht in den Sternen. Gewiss ist dagegen, dass Medien aller Art auch fürderhin über die Kaste der „Adligen“ berichten. Wenn es nach mir geht, mit einem Augenzwinkern.

Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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