Das K-Wort

Monika Meyer schreibt per E-Mail: Die deutschen Medien – auch der Trierische Volksfreund – berichteten vor einigen Tagen lang und breit darüber, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel den Einsatz von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan erstmals als „Krieg“ bezeichnet hat. Was ist daran eigentlich so besonders? Es ist doch ein Krieg, oder etwa nicht?
Liebe Frau Meyer,
vielen Dank für Ihre Zuschrift. Krieg! Ein Wort wie Pest und Cholera. Es verheißt Tod, Verderben, unendliches Leid. Grausames Abschlachten. Fürchterliche Not.
Ein solches Wort nehmen Politiker gemeinhin nicht ohne Kalkül in den Mund. Denn: Sprache ist eine Waffe! Bloß nicht die Bürger im eigenen Land (= Wähler) erschrecken! Schon gar nicht mit unbequemen, unangenehmen Wahrheiten konfrontieren! Klartext ist gefährlich!
Also eiern viele Staatenlenker herum und verbreiten salbungsvolle Phrasen. Vernebeln, verschleiern, verharmlosen. Tarnen, täuschen, tricksen. Konfuzius sagt: Wenn die Sprache nicht stimmt, dann ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ruft der damalige US-Präsident Bush den Krieg gegen den Terrorismus aus. Er lässt Afghanistan angreifen, wo er den Oberschurken Osama bin Laden wähnt, er mobilisiert die Koalition der Willigen gegen die Achse des Bösen und marschiert in den Irak ein, um Saddam Hussein zu stürzen.
Das K-Wort streichen die Verantwortlichen und ihre PR-Berater flugs aus dem Wortschatz. Mal ist die Rede von der Operation dauerhafte Freiheit (Operation Enduring Freedom) und von der Operation irakische Freiheit (Operation Iraqi Freedom), mal von Krisenintervention, mal von bewaffneten Konflikten.
Bei der Irak-Invasion verweigern sich die Deutschen, beim Afghanistan-Abenteuer mischen sie von Beginn an mit.
Psst! Es ist Krieg, und Kanzler Schröder (SPD) und sein grüner Vize Fischer fabulieren von einer Friedensmission.
Psst! Es ist Krieg, und Verteidigungsminister Struck (SPD) sagt den legendären Satz: Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt.
Psst! Es ist Krieg, und Strucks Nachfolger Jung (CDU) schwadroniert von einem Stabilisierungseinsatz bei Kunduz.
Erst der amtierende Verteidigungsminister zu Guttenberg (CSU) bricht das Tabu und nennt die kriegsähnlichen Zustände beim Namen. Man könne umgangssprachlich von Krieg reden. Kanzlerin Merkel (CDU) zieht nach: Die deutschen Soldaten seien in Kämpfe verwickelt, wie man sie im Krieg hat.
Nanu! Das ist aber mutig. Geradezu revolutionär. Sagen, was ist. Die Wahrheit gar. Wie kommt’s?
Doch nicht etwa, weil Merkel und Guttenberg planen, die Bundeswehr in einem Jahr aus Afghanistan abzuziehen? Und jetzt sachte beginnen, den Boden dafür zu bereiten. Seht her, wir holen unsere Soldaten nach Hause, raus aus dem Krieg, seid dankbar, liebe Wähler!
Ungeachtet der Wortwahl hat sich an der Bewertung der Lage in Afghanistan freilich nichts geändert: Völkerrechtlich sei das kein Krieg, betont die Bundesregierung. Denn dann müssten sich zwei oder mehr Staaten in einer bewaffneten Auseinandersetzung befinden; sie wären an bestimmte Regeln gebunden. Nein, nein, es handle sich vielmehr um einen nicht-internationalen bewaffneten Konflikt, so die offizielle Lesart.
Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer, hat der griechische Tragödiendichter Aischylos schon vor zweieinhalbtausend Jahren erkannt. Der Geschichtsschreiber Thukydides weist am Beispiel des Peleponnesischen Kriegs (431 bis 404 v. Chr.) nach, wie die Feldherrn das Volk mit Worten einlullen. Seitdem: heilige Kriege, gerechte Kriege, Vaterlandskriege, Befreiungskriege, Vorbeugungskriege, Verteidigungskriege, totale Kriege, saubere Kriege …
Der verbale Wahnsinn hat Methode: Soldaten greifen nicht an, sie gehen präventiv vor. Soldaten schießen nicht auf Menschen, sie nehmen weiche Ziele ins Visier. Soldaten sterben nicht, sie fallen oder bleiben im Feld.
Getötete Zivilisten sind im zynischen Militärjargon ein Kollateralschaden, der sich trotz chirurgischer Schläge leider, leider nicht vermeiden lässt – etwa wenn die verheerende Fliegerbombe BLU-82B, der niedliche Daisy Cutter (Gänseblümchenschneider), auf Städte und Dörfer niederprasselt.
Sülze, Blabla und Schwamp, Floskeln und Versatzstücke: Aufgabe von Journalisten ist es, derlei propagandistische Klemmlyrik zu entlarven. Und zu übersetzen, was sich hinter den von Politikern so geliebten Euphemismen (beschönigenden Wörtern) wirklich verbirgt. Die Kriegs-Metaphorik ist dafür nur ein Beispiel, wenn auch ein besonders anschauliches. Sprachliche Vernebelungstaktik begegnet uns allerorten.
Herzliche Grüße und ein friedliches neues Jahr!
Peter Reinhart

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