Werch ein illtum!

Ernst Jandl hat geschrieben:
manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern.
werch ein illtum!

Lieber Herr Jandl*,
auch wenn diese Zeilen Sie nicht mehr zu Lebzeiten erreichen: Ich möchte Ihnen danken – für das großartige Gedicht mit dem Titel „lichtung“, veröffentlicht 1966 in dem Lyrikband „laut und luise“. Ihr wunderbares Wortspiel kommt mir manchmal in den Sinn, wenn ich von Lesern des Trierischen Volksfreunds höre oder lese, die Zeitung sei ja wohl alles andere als überparteilich und unabhängig, sondern politisch totaaaaal einseitig. Insbesondere an den Kommentaren sei das unzweifelhaft festzumachen.
Das Merkwürdige daran: Mal heißt es, der TV sei rechts. Mal heißt es, der TV sei links. Dann denke ich: Einmal R und L vertauscht, schon wird aus der Richtung eine Lichtung, und aus rechts lechts und aus links rinks.
Spaß beiseite: Das Thema haben wir ja schon des Öfteren besprochen. Ich wiederhole noch einmal das Wichtigste:

  • In dieser Zeitung kann jeder seine Meinung sagen: Redakteure, Korrespondenten, Leser. Genau das bedeuten die Vokabeln „überparteilich“ und „unabhängig“. Keine Partei diktiert, was ins Blatt gehört und was nicht, kein Politiker redet rein, kein Wirtschaftsunternehmen nimmt Einfluss auf die Berichterstattung.
  • Es geht um die Sache, nicht um Ideologie. Unsere Reporter schreiben Neuigkeiten auf, ordnen sie ein, bieten Interpretationen an. Meinungsbeiträge regen zum Nachdenken an. Die einen stimmen zu, die anderen lehnen ab. Die einen rufen Halleluja, die anderen schreien Zetermordio.
  • Jeder Autor eines Kommentars oder Leserbriefs vertritt eine Position. Ja oder nein. Dafür oder dagegen. Unterm Strich gewährleistet die Vielfalt der Meinungen die Ausgewogenheit der Zeitung.

Ich will das am Beispiel des aktuell im Land tobenden Wahlkampfs verdeutlichen. Fast täglich bewerfen sich die Protagonisten mit Schmutz, über Affären und Attacken, Angriffe und Anschuldigungen ist zu berichten. Mal steht die SPD am Pranger (Nürburgring, Schlosshotel Bad Bergzabern, Justizminister Bamberger), mal die CDU („abgegriffene“ Polizeidaten, Finanzchaos in der Ägide Christoph Böhr). Über all das informiert der Volksfreund – unabhängig und überparteilich. Hochinteressant, wie die Leser reagieren.
Einer, der sich „Schund“ nennt, giftet im Internet zu einem Artikel von Frank Giarra über den Fall Bamberger: „Na, da hat der CDU-Spezi, SPD-Hasser und TV-Korrespondent ja wieder ein tolles Süppchen geköchelt. Und die Chefredaktion des TV gibt ihren Segen zu dieser Schmiererei. […] Die gleichgeschaltete braune Presse von anno dazumal lässt grüßen. […] Macht aber nichts, liebe SPD, ihr gewinnt die Wahl auch so. Trotz der ultrakonservativen Presse.“
Der TV-Korrespondent ein CDU-Propagandist? Mitnichten. Einen kürzlich veröffentlichten Beitrag Giarras zur Billen-Affäre erklärt sich Leser Hermann S. allein mit „SPD-Stallgeruch“.
Zu einem Bericht von Chefreporter Rolf Seydewitz (Thema Bad Bergzabern) mailt Heinz L.: „Es freut mich als Abo-Kunde Ihrer Zeitung, dass Sie es gewagt (!) haben, Ihre Leser umfassend und sachlich zu informieren. Das lohnt den weiteren Bezug der Zeitung.“ Zum selben Text schreibt Martin S.: „[…] nur Gerüchte […] Wegen solcher ‚Recherchen‘ liest man eigentlich keine Zeitung.“
Manfred L. meint, der TV sei „linkslastig und tendenziös“, der Online-Leser „Wutzi“ fantasiert vom „CDU- und Bistumsblatt, was sich ‚Volksfreund‘ nennt“, ein emeritierter Professor analysiert messerscharf: „[…] wird der TV noch nicht unbedingt zu einem rotgrünroten Kampfblatt. Jedoch ist die Tendenz darauf hin unübersehbar. […] scheinheilige und unbedarfte Einseitigkeit […] standesdünkelhafte Journalisten wähnen sich über Leserkritik aus Beschränktheit erhaben.“
Und so weiter, und so weiter. Lechts? Rinks? Werch ein illtum! Danke, Ernst Jandl!
Peter Reinhart
* Ernst Jandl, österreichischer Lyriker, Schriftsteller und Übersetzer, 1925-2000.

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