;-) ggg :-!

Gunter Kohl aus Butzweiler hat kürzlich eine Zuschrift zur Integrations-Debatte mit dem Vermerk eingereicht: Wenn Sie meinen Leserbrief abdrucken, bitte mit dem Smiley 😉 am Schluss. Vielen Dank!
Lieber Herr Kohl,
Ihren Beitrag haben wir vor einigen Tagen veröffentlicht, wie Sie sicher bemerkt haben. Noch schuldig bin ich die Aufklärung, warum das gewünschte Augenzwinkern 😉 fehlte.
Seien Sie nicht 🙁 und :…-( Sie nicht. Derlei seltsame Zeichen in der Zeitung ließen sicher viele Leser :-/ zurück, manch einer wäre wohl :-0 oder hielte das – noch %*[ – für einen :-‚) und würde schimpfen: >:-(
So, genug der „Emoticons“ (Icons, die Emotionen ausdrücken), wie diese grafischen Elemente genannt werden – typisch für das sogenannte Chat-Deutsch oder Sims-Deutsch. Das ist so eine Art Dialekt der Generation Web 2.0. Für alle, die sich nicht damit auskennen, hier die Übersetzung:
Seien Sie nicht traurig und weinen Sie nicht. Derlei seltsame Zeichen in der Zeitung ließen sicher viele Leser ratlos zurück, manch einer wäre wohl entsetzt oder hielte das – noch schlimmer – für einen Schönheitsfleck und würde schimpfen: so ein Unsinn.
Seit es Mobiltelefone gibt und die Möglichkeit, sich per SMS mitzuteilen, grassiert das Abkürzungs-Fieber. Beim „Simsen“, abgeleitet von „Short Message Service“ (Kurznachrichtendienst, abgekürzt SMS), geht es darum, in 160 Zeichen Botschaften zu übermitteln. Je kürzer die Wörter, desto mehr Inhalt kann transportiert werden.
Beim Chatten (englisch für „plaudern“, „schwatzen“) im Internet ist es ähnlich. Ein Kauderwelsch aus rätselhaften Abkürzungen (g= grins, gg = großes Grinsen, ggg = ganz großes Grinsen, hdgdl = hab dich ganz doll lieb), Anglizismen (googeln, downloaden, spammen, skypen), Telegrammstil-Text, Emoticons, Comic-Sprechblasen (*ganzliebguck*, *gähn* oder *nixversteh*) und anderes mehr. Die Jugendsprache klingt für Nichteingeweihte wie ein Geheimcode. Entsetzliches Gammel-Deutsch, sagen die Puristen.
Dank oder wegen SMS, Chats, Blogs, Twitter und E-Mails wird mehr geschrieben als je zuvor – aber auch äußerst „kreativ“, also: frei von den Regeln der Rechtschreibung und Grammatik. Vom Wortschatz ganz zu schweigen.
Müssten Schüler heute ein Diktat aus den 60er Jahren schreiben, dann würden rund drei Viertel als Legastheniker gelten – so das Ergebnis einer Langzeit-Studie des Max-Planck-Instituts, nachzulesen in dem Buch „Deutsch für Inländer“ von Veronika Claßen und Armin Reins.
Kürzer, lauter, extremer, das sei der Trend in der Kommunikation, meint Zukunftsforscher Peter Wippermann. Die SMS-Sprache sei die Stenografie des 21. Jahrhunderts. Möglichst viele Informationen sollen mit möglichst wenig Zeichen in möglichst kurzer Zeit übermittelt werden.
In Sätzen von Goethe lag die Zahl der Wörter bei 30 bis 36. Heutige Zeitungstexte sind wie Kurznachrichten auf zehn bis 15 Wörter pro Satz reduziert. Wippermann weiß: Wir sind nur noch begrenzt aufnahme- und merkfähig.
Sprachen verändern sich, sie „leben“, saugen ständig neue Vokabeln auf, etwa aus dem Szene-Sprech. Man muss aber nicht gleich auf jeder modischen Welle surfen, sondern auch mal in aller Ruhe am Fluss sitzen und abwarten. Im Vergleich zum gehetzten, zerstückelten, belanglosen Chat- und Sims-Deutsch wirkt die Zeitungssprache entschleunigend – und ist für alle Leser verständlich. Dabei wollen wir es bitte schön noch eine Zeitlang belassen!
In diesem Sinne: :-! oder zu Deutsch: genug für heute!
Peter Reinhart

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