Habe die Ehre!

„Dr. Mabuse“ schreibt per E-Mail: Ich frage mich, warum im Volksfreund keine Titel genannt werden. Nicht bei Ärzten, nicht bei Politikern wie Frau Dr. Merkel, nicht bei Wissenschaftlern. Ich finde das sehr ärgerlich. Warum lassen Sie die Titel weg?
Lieber Herr Mabuse (oder liebe Frau Mabuse?),
auch wenn Sie Ihren richtigen Namen nicht nennen möchten, danke ich für die Frage. Sie wird häufiger gestellt.
In der Nachrichtensprache ist es seit Jahrzehnten üblich, auf Titel zu verzichten. Das hat wohl damit zu tun, dass die deutsche Presse sich – historisch betrachtet – lange Zeit in untertänigster Hofberichterstattung ergangen hat. Euer Hochwohlgeboren hier, Ihre Exzellenz dort, von „unserem geliebten Führer und Reichskanzler blablabla“ ganz zu schweigen.
Titel werden heutzutage in den Medien nur erwähnt, wenn sie für das Thema wichtig sind.

  • Beispiel Ärzte: Werden sie in der Zeitung zu medizinischen Sujets befragt, ist die Nennung des Doktortitels angebracht, um die fachliche Kompetenz zu betonen. Kommt dagegen, sagen wir mal, ein Ernährungswissenschaftler (Dr. oec. troph.) als Vorsitzender des örtlichen Schützenvereins zu Wort, ist es völlig unerheblich, dass er seine Dissertation über den „Einfluss der Bodentemperatur auf wichtige Inhaltsstoffe des Rosenkohls“ geschrieben hat.
  • Beispiel Politiker: Bundeskanzlerin Angela Merkel ist promovierte Physikerin – was im Alltag für die Regierungsgeschäfte ohne Belang ist. Würde Merkel ihre Politik auf Einsteins Relativitätstheorie gründen oder beständig über das Raum-Zeit-Kontinuum dozieren, wäre ihre akademische Bildung durchaus bedeutsam.
  • Beispiel Beamte: Amtstitel sind für Leser nicht interessant, wohl aber die Aufgabe, etwa in der Verwaltung oder in der Schule. Nicht gut: Oberamtsrat Bendix Grünlich. Besser: Gemeindekämmerer Bendix Grünlich. Nicht gut: Oberstudiendirektorin Sesemi Weichbrodt. Besser: die Leiterin des Gymnasiums, Sesemi Weichbrodt.

Genaugenommen ist der „Dr.“ kein Titel, sondern ein akademischer Grad. Er kann in den Reisepass oder Personalausweis eingetragen werden, ist aber kein Bestandteil des bürgerlichen Namens.
Die Adelsprivilegien sind seit 1919 aufgehoben (Artikel 109 der Weimarer Verfassung). Vormals blaublütige Titel gelten seitdem als Teil des Nachnamens.
Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg ist und bleibt ein Freiherr, um genau zu sein: Dr. iur. Karl-Theodor und so weiter. Das ist selbst seinen Vertrauten zu viel. Sie rufen ihn „KT“.
Wer wollte derlei Bandwurm-Namen auch lesen oder hören? In der Zeitung, im Radio, in der „Tagesschau“ oder im „Heute-Journal“ heißt es zackig: Verteidigungsminister Guttenberg.
Bei der direkten Anrede geht es förmlicher zu. Wer Angela Merkel begegnet, grüßt sie als „Frau Bundeskanzlerin“. Die korrekte schriftliche Bezeichnung lautet „Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin“. In der internationalen Korrespondenz heißt die Anschrift „Ihrer Exzellenz der Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland Frau Dr. Angela Merkel“.
Habe die Ehre!
Peter Reinhart

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