Das ungeheure Sommerloch

Albert Thiex aus Merlscheid in der Eifel schreibt: Seit einigen Jahren beziehe ich nun den Volksfreund und möchte mich einfach mal bedanken für die tolle Zeitung, die Sie jeden Tag herausbringen. Topaktuell aus allen Regionen meiner Heimat. Ob Politik regional und überregional oder viele andere Themen, über die ich als Leser Bescheid wissen will. Vor allem lobe ich den Sportteil, der immer aktuell ist und viele Sportarten berücksichtigt. Als Läufer interessiert mich dieser Teil natürlich besonders, und ich muss sagen, dass Sie in Holger Teusch einen Mann haben, der top recherchiert und als Berichterstatter unter uns Läufern nicht mehr wegzudenken ist. Weiter so und viele Grüße!
Lieber Herr Thiex,
vielen Dank für die Blumen. Ich veröffentliche Ihr Schreiben gern, weil die Redaktion oft genug (und manchmal zu Recht) Kritik für ihre Arbeit einstecken muss. Da tut ein bisschen Lob von Zeit zu Zeit ganz gut.
Weil dies die letzte Kolumne „Leser fragen – die Chefredaktion antwortet“ vor der Sommerpause ist, nutze ich die Gelegenheit, um auf ein jahreszeitentypisches Medienphänomen einzugehen: das Sommerloch.
Die Fußball-WM ist vorbei, die politische Klasse urlaubt, die Kreativen erholen sich vom Kulturzirkus – nun dräut die hohe Zeit der netten Nichtigkeiten. Das Ungeheuer von Loch Ness taucht auf, ein paar Hinterbänkler machen sich mit ungeheuren Ideen ungeheuer wichtig, Lobbyisten aller Art preschen mit ungeheuren Studien zur Rettung der Menschheit (und ihrer eigenen Interessen) nach vorne, und in piefigen Baggerseen schnappen ungeheure Krokodile nach den Badegästen. Brrr!!!
„Früher, als alles besser war, dauerten die Ferien gefühlte drei Monate“, schreibt der politische Journalist Hajo Schumacher. „Helmut Schmidt ging segeln, Helmut Kohl sprang in den Wolfgangsee, und selbst bei Kanzlers quoll nur einmal am Tag Papier aus dem Fax. Nur im Notfall benutzten die Menschen das Telefon; es gab ja Postkarten.“
Mit anderen Worten: nix los! Ein Alptraum für Zeitungsleute: Der tiefe, dunkle Schlund des Sommerlochs (englisch „silly season“) tut sich auf. Eine nachrichtenarme Zeit, in der plötzlich allerlei seltsame Geschichten das mediale Licht der Welt erblicken, die ansonsten im Orkus verschwinden.
Wie kommt’s? Die Nachrichtenagenturen tickern Tag für Tag Tausende und Abertausende Meldungen um die Welt. Redakteure filtern aus diesem Wust das Wichtigste aus, orientieren sich dabei am Nachrichtenwert einer Geschichte. Im Sommer nimmt die Zahl der ernsthaften Storys ab (klar: alle im Urlaub, kaum Termine). Der Bodensatz der unbedeutenden Meldungen steigt, und für so manche „saure Gurke“ findet sich ein Sendeplatz oder eine Ecke in den Blättern. Soweit die Theorie.
Ist das wirklich so? Ich behaupte: Nein, das Sommerloch ist für viele Journalisten eine Ausrede. Redaktionen, die sich Mühe geben, recherchieren auch und gerade in diesen heißen Wochen für ihre Leser, Zuschauer und Zuhörer eigene Geschichten – unabhängig davon, wer gerade in Berlin oder Mainz oder Trier zu einer Pressekonferenz lädt. Ich finde, das Angebot im Volksfreund kann sich sehen lassen: viele spannende, schön geschriebene, unterhaltsame Storys.
Schöne Ferien!
Peter Reinhart

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