Eins, zwei oder drei

Thomas Müller schreibt per E-Mail: Wenn ich im Volksfreund die Formulierung lese, dass „nach Informationen unserer Zeitung“ dies oder das zu erwarten sei, beschleicht mich immer ein komisches Gefühl. Warum wird die Quelle nicht genannt, aus der diese tollen Informationen stammen? Ganz egal, ob es um irgendwelche Geheimnisse aus der Berliner Politik geht oder um einen Spielerwechsel bei Eintracht Trier. Manchmal denke ich: Das saugen sich die Redakteure doch aus den Fingern!
Lieber Herr Müller,
vielen Dank für Ihre Zuschrift. Interessante Frage. Ich hole ein wenig aus, um sie zu beantworten. Ginge es nach Politikern, Behörden, Verwaltungen, Wirtschaftsbossen, Managern von Fußballvereinen und anderen „Machern“, würde in den Medien nur das veröffentlicht, was „genehm“ ist, und zwar dann, wann es „genehm“ ist. Ich überspitze bewusst, um zu verdeutlichen, um was es geht.
In Nordkorea unterliegen die Medien der Zensur. Sie bejubeln den Diktator und betreiben Propaganda. Genau umgekehrt ist es in Demokratien: Die Medien schauen den Mächtigen auf die Finger, hinterfragen offizielle Verlautbarungen, schauen für ihre Leser oder Zuschauer hinter die Kulissen, versuchen, Ungereimtheiten aufzudecken.
Zum Geschäft mit Nachrichten gehört die Recherche. Für gute Recherche braucht es gute Kontakte und Informanten, die Kenntnis von Vorgängen besitzen, die für Journalisten (und somit die Öffentlichkeit) ansonsten tabu wären.
Ungezählte Skandale und Affären sind dank hartnäckig bohrender Medienleute aufgeflogen – von Watergate (Washington Post) bis Doerfert (Trierischer Volksfreund). Und egal, ob Hauptstadtblatt oder Regionalzeitung, ohne Tippgeber läuft nichts. „Deep Throat“ (Tiefer Schlund) war der Deckname des berühmten Regierungs-Insiders, der Anfang der 70er Jahre die „Post“-Reporter Bernstein und Woodward fütterte; am Ende stürzte Präsident Nixon. Wer im Fall Doerfert geplaudert hat und damit vor zwölf Jahren den Anstoß zu umfangreichen Volksfreund-Recherchen gab, verrate ich natürlich nicht.
Eines nämlich ist entscheidend: die Garantie, dass Informanten geschützt sind. Immer. Grundsätzlich. Egal, ob daraus eine Geschichte wird, die weltweit für Aufsehen sorgt, oder ob es um sich eine lokale Errege handelt – niemand erfährt, wer die Medien mit Material versorgt hat.
Bei brisanten Themen ist es oft nötig, die Quelle zu verschleiern, damit Informanten nicht auffliegen. Im Tagesgeschäft greifen dabei ungeschriebene Regeln. Beispiel: Hintergrundgespräche mit Politikern. Es gibt einen Kodex, der stillschweigend definiert, was zur Veröffentlichung freigegeben ist und was nicht:

  • „Unter eins“: es darf zitiert werden = Politiker äußern sich meist vorsichtig.
  • „Unter zwei“: kein direktes Zitat, aber mit Formulierungen wie „verlautet aus Regierungskreisen“ oder „heißt es im Trierer Rathaus“ erlaubt = Politiker verrät mehr, als er in einem Interview preisgeben würde.
  • „Unter drei“: ausschließlich für den Hinterkopf gedacht, oft genug aber mit der Absicht, dass die Infos an geeigneter Stelle in die Berichterstattung einfließen = Politiker zieht richtig vom Leder, gibt Wissen preis, das er keinesfalls in Verbindung mit seinem Namen in der Zeitung lesen möchte.

Journalisten, die sich nicht an den Kodex halten, werden zu solchen Hintergrundgesprächen kein zweites Mal eingeladen. Eine Art von Zensur? Wenn es die einzige Quelle wäre, ja. Aber: Jede Nachricht bedarf ohnehin mindestens einer weiteren Bestätigung, bevor sie veröffentlicht wird. Sie können also, wenn Sie den Vermerk „nach Informationen unserer Zeitung“ lesen, getrost davon ausgehen: hieb- und stichfest, auch wenn keine Quelle namentlich genannt ist.
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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