Gütesiegel ohne Garantie

Georg Kohr aus Trier schreibt zum Konzert der norwegischen Band a-ha in Trier: Zunächst einmal möchte ich mich bedanken, dass einige meiner Anmerkungen bereits veröffentlicht wurden. Ich muss aufs Schärfste bemängeln, dass Nora John in ihrem Artikel mit keiner einzigen Silbe darauf eingeht, dass die gebotene Lautstärke bei dem Konzert eine Zumutung war. Von einer ausgewogenen Berichterstattung hätte ich nicht nur Lobhudelei gewünscht, da darf es denn auch schon mal ein kritischer Ton sein. Und nicht nur ich hatte mit dieser Lautstärke ein Problem.
Den wesentlichen Punkt meiner Argumentation hat die Redaktion leider unterschlagen oder nicht erkannt. Es ist unbedingt notwendig, dass die lokalen Veranstalter sich darum kümmern, dass der Ton für alle Zuhörer zu ertragen ist. Der TV, der als Mitveranstalter gerne mit dabei ist, würde ansonsten einen Kundennepp unterstützen. Denn leider fühlt man sich so. In den letzten Jahren wurden die Konzerte immer lauter. Und nun ist ein Punkt erreicht, an dem einem dadurch das letzte Quäntchen Laune noch vermiest wird.
Es muss doch möglich sein, dass ein Konzert in einer erträglichen Lautstärke abläuft, ohne dass die Anwesenden einen Hörschaden befürchten müssen – und zwar trotz Ohrstöpseln. Das sollten dem Volksfreund als Mitveranstalter seine Leser wert sein!

Lieber Herr Kohr,
vielen Dank für die Zuschrift. Ihre Empörung ist nachvollziehbar. Ein Sänger ohne Stimme! Lärm statt Musik! Und dann auch noch eine Besprechung in der Zeitung, die kritiklos daherkommt – das hat viele Besucher des Konzerts von a-ha in Trier verärgert. Einige haben ihrem Unmut in Leserbriefen bereits Luft gemacht. Sie haben recht – das war keine Glanzleistung, weder von der Band noch von der Volksfreund-Redaktion. Asche auf unser Haupt!
Eines aber darf nicht verwechselt werden: Der Volksfreund tritt nicht als Veranstalter auf, organisiert nicht – sondern berichtet. Vorher, nachher.
Alles, was sich in der Region ereignet, wird angekündigt. In der Zeitung, in der Beilage „Rendezvous“ (immer donnerstags), im Internet unter www.volksfreund.de/termine. Größere und kleinere Artikel, mit oder ohne Foto, zumindest als Hinweis auf der täglichen Service-Seite („Was? Wann? Wo?“) und als Eintrag in der Online-Datenbank. Tausende und Abertausende Termine, Jahr für Jahr.
Wie umfangreich berichtet wird, hängt davon ab, wie die Redaktion das „Event“ bewertet – anhand der üblichen journalistischen Kriterien. Die Klasse zählt, die Masse ebenso, die künstlerische Qualität und/oder das Zuschauerinteresse.
Einige Ereignisse (bekannte Stars, berühmte Shows, besondere Spektakel) erhalten den Vermerk „Der TV präsentiert“. Ein Markenzeichen, eine Empfehlung, ein Gütesiegel, das zumeist eingelöst wird – aber ohne Garantie-Anspruch! Auch hier gilt: Wir veranstalten nicht, sondern berichten, und zwar nach denselben Maßstäben wie sonst. War’s gut, gibt’s Lob. War’s nicht gut, gibt’s Kritik. Eine eiserne Regel – die bei a-ha leider außer Acht gelassen worden ist.
Warum „präsentiert“ der Volksfreund überhaupt? Nun, derlei gehört zum Marketing. Wir erreichen bei Pop-Konzerten ein Publikum, das ansonsten nicht zur Stammklientel zählt. Wir verlosen Eintrittskarten, wir bringen die Fans und ihre Stars hinter der Bühne zusammen (das sogenannte „Meet & Greet“), wir bieten einen Mehrwert für die Leser.
Keinen Einfluss hat der TV auf das Niveau der Darbietungen, etwa wenn der Sänger keinen Ton herausbringt oder die Musik im Lärm untergeht. Solche Ärgernisse gehören zwingend in die Berichterstattung. Und selbstverständlich wäre das Tour-Management zu fragen, warum es eine solche Produktion auf die Bühne bringt.
Das „Presenting“ ist in den Marketingstrategien vieler Unternehmen fest verankert. Beispiel Bitburger Brauerei. Die „präsentiert“ seit vielen Jahren alle Live-Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in ARD und ZDF, kann aber nichts dafür, wenn Miroslav Klose das Tor nicht trifft oder Schlussmann Manuel Neuer sich haltbare Gegentreffer einfängt. Ziel der Brauerei: sich in einem möglichst positiven, massenwirksamen Umfeld zu positionieren und vom Erfolg der Kicker zu profitieren.
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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4 Kommentare

  1. Lieber Herr Reinhart,

    das ist alles sehr richtig,was Sie da schreiben.
    Nuuuur:Wee „proudly presents“und sich davon natürlich etwas verspricht in bezug auf marketingerfolge,der neigt erfahrungsgemäß nicht unbedingt dazu,sein produkt vernichtend zu kritisieren.Das gilt für sponsoren jeglicher art.Ein fernsehsender,der für viel geld ein fussballspiel exklusiv überträgt,wird den teufel tun und dem kommentator erlauben,den hochgehypten „event“ als miserablen grottenkick zu bezeichnen.
    Das ist nun mal so,und das ist nur menschlich,oder?Es geht um viel geld,und die zeiten sind hart.
    Ich möchte dem Volksfreund nichts unterstellen,aber das misstrauen reist nunmal mit.Vielleicht sollte eine unabhängige zeitung keine kritik veröffentlichen,wenn sie in irgendeiner form an der veranstaltung beteiligt war.Vielleicht ist das aber auch zuviel verlangt.

    Viele Grüsse

  2. Sehr geehrter Herr Reinhart,
    Vielleicht doch ein größeres Problem als Sie es darstellen. Wo bleibt beispielsweise die kritische Berichterstattung über das Eifel Literaturfestival? Vom Medienpartner TV ist da bis jetzt nur Affirmatives zu lesen. Kein Wort zur Programmkonzeption (einiges Hochwertige, viel Schrott): ein massenkompatibler Reflex auf medial in X Talkshows Vorgekautes. Was wird dort nicht alles zur Literatur erhoben – Willemsen, Geißler, Grün, Groenemeyer und die Herren Lintz und Möller schweigen, stattdessen, schreibt die zweite oder dritte Garde Erlebnisberichte und Lobhudeleien – die Vorsetzung des Marketings mit journalistischen Mitteln.
    Kritische Berichterstattung sieht anders aus als das bisher abgelieferte.
    freundliche Grüsse

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