Denglisches Gemeng im Wörter-See

Klaus Schwerdtfeger aus Trier meint zum Thema „Rabatte, Rabatte, Rabatte“ (TV vom 5. Januar): Sie können es nicht lassen, die Werbe-Fuzzis des Handels. Immer wieder dieses bescheuerte „sale“. Und der TV hat nichts Besseres zu tun, als das auch noch per Foto zu verbreiten.
Ich weiß es aus meinem Bekanntenkreis: Man findet es nicht gut, aber man nimmt es hin. Der Umsatz wird bestimmt nicht durch „sale“ gefördert. Im Gegenteil: Konservative kaufen dann extra nicht. Sie kaufen dort, wo man ihnen nicht mit „sale“ kommt. Zu denen gehöre ich. Wäre schön, wenn Tausende diesem Beispiel folgten, damit endlich mal der „sale“-Unsinn aufhört.

Lieber Herr Schwerdtfeger,
vielen Dank für Ihre Zuschrift. „Speak German“, fordern die Hüter der deutschen Sprache allenthalben. Sprecht deutsch! Ein frommer Wunsch. Das kämpferische Engagement in allen Ehren – ich fürchte, den Anglizismus-Wahn in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.
„Sale“ ist ein Beispiel für das grassierende Neusprech-Virus. Die Plakate schreien es laut und bunt an jeder Straßenecke. Hört sich deppert an. Warum nicht auf Deutsch? Das hat, mindestens, zwei Gründe:

  • zu viel: Die Werbe-Sprache ist kreativ, artistisch, überkandidelt. Weltläufig soll es klingen im Zeitalter der Globalisierung, bloß nicht vermufft, und Aufmerksamkeit erzeugen, egal wie – und wenn es noch so doof ist. Der Wahnsinn hat Methode, und der Drang zum denglischen Gemeng ist wohl nicht zu stoppen. Nur ganz vereinzelt befreien sich Unternehmen wieder von dämlichen Slogans, weil sie gemerkt haben, dass viele Menschen nur Bahnhof verstehen, etwa wenn ihnen in der Parfümerie ein „Come in and find out“ entgegendröhnt.
  • zu wenig: Uns fehlen die Wörter für Dinge, Gefühle, Phänomene. Deshalb fahnden wir nach neuen. Sprache lebt, verändert sich ständig.

Der Schriftsteller Axel Hacke sagt: Es gibt Wörter, die eine Bedeutung haben. Das sind die meisten. Ein Tisch ist ein Tisch ist ein Tisch. Es gibt Wörter, die keine Bedeutung haben, aber sie vielleicht suchen. Spunk zum Beispiel, bei Pippi Langstrumpf der Ausdruck für alles und nichts. Und es gibt Bedeutungen, die ein Wort brauchen. Das Gegenteil von hungrig ist satt. Doch wie nennt man das Gegenteil von durstig? Da sind wir sprachlos.
„Sale“ ist in großem Stil erst aufgekommen, als der gute alte Saisonschlussverkauf ging. Seit der Änderung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb im Jahr 2004 laufen Rabattaktionen das ganze Jahr über. Kein Sommerschlussverkauf mehr, kein Winterschlussverkauf mehr. Wenn ständig Schlussverkauf ist, gewöhnt sich der Verbraucher daran. Also, denkt der Werber, muss eine neue Begrifflichkeit her.
Jetzt plärren die einen tagein, tagaus ihr „Geiz-ist-geil“-Mantra, die anderen ihr „20 Prozent auf alles außer Tiernahrung“, und wem gar nichts einfällt, der versucht’s eben mit „sale“ – was nicht mehr und nicht weniger heißt als: Verkauf, Ausverkauf, Schlussverkauf, Räumungsverkauf. Albernes Anbiedern, nervig, überflüssig.
All das ist jedoch nicht ungewöhnlich: Wenn für einen bestimmten Sachverhalt ein Wort gebraucht wird, entsteht auch eines – und zwar mittlerweile vorwiegend im Internet, schreiben die Autoren Kathrin Passig und Sascha Lobo in ihrem Aufsatz „Wortwoselungen“. Im weltweiten Netz tauchen jeden Tag Ideen, Prozesse und Funktionen auf, die es vorher nicht gab. Häufig ganz normale englische Wörter, die dafür sorgen, dass den Anglizismus-Kritikern die Klagelieder nicht ausgehen.
Einen Beleg dafür, wie schnell Sprache sich wandelt, liefert der Rechtschreib-Duden. Alle paar Jahre kommt eine überarbeitete Version auf den Markt, darin stets einige Tausend neue Wörter – oft aus dem Englischen übernommen oder abgeleitet.
Ein hübsches Beispiel ist „googeln“, das sich längst in der Alltagssprache etabliert hat und soviel meint wie: im Internet nach etwas suchen. Der Firmenname „Google“ ist laut Passig und Lobo eine Verballhornung des Wortes „Googool“, das 1938 von dem amerikanischen Mathematiker Edward Kasner publiziert wurde. Kasner mangelte es an einem Namen für eine sehr große Zahl, eine Eins mit hundert Nullen. Er fragte seinen neunjährigen Neffen. Der schlug „Googool“ vor und prägte so die Sprache des Internets, noch bevor es überhaupt erfunden war.
Die aktuelle Wortbildung ist stark vom Englischen beeinflusst, aber nicht nur. Manchmal blitzt auch im Deutschen Neues auf. So hat es Peter Hartz, der einst für Gerhard Schröder die Agenda 2010 ausheckte, zum Verb und zum Substantiv gebracht, wie jüngst „Die Zeit“ notierte. „Hartzen“ bedeutet in der Umgangssprache „rumhängen, gammeln“ (zum deutschen Jugendwort des Jahres gewählt), mit „Hartzer“ bezeichnen junge Leute in Berliner Problem-Stadtteilen ihren Traumjob als staatlich gestützte Berufs-Arbeitslose.
Es geht auch andersherum. Zum englischen Wortschatz zählen seit langem „Kindergarten“, „Blitzkrieg“ oder „wunderbar“. Erstaunliches vernahm ich kürzlich von einem britischen Fußball-Schiedsrichter. In einem Interview verwendete er wie selbstverständlich das schwierige deutsche Wort „Fingerspitzengefühl“. Und im Kino-Film „Inglourious Basterds“ knödelt Brad Pitt als US-Soldat im breitesten Südstaaten-Slang plötzlich das deutsche Adjektiv „kaputt“.
Die Sprache ist immer in Bewegung, wie ein mächtiger Strom, der bisweilen über die Ufer tritt und sich nicht bändigen lässt. Altes verflüchtigt sich, Neues fließt unablässig und füllt den Wörter-See. Was heute noch als Dummdeutsch gilt, gehört morgen vielleicht schon zur Standardsprache. Beim Volksfreund bemühen wir uns jedenfalls, den gröbsten Unfug zu vermeiden …
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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5 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Reinhart,
    „Ochs und Esel“ haben seinerzeit und bis heute nicht „aufgehalten“.
    Schade, dass Sie in Ihrer Leserbriefantwort bei einem resignativen Einerseits und Andererseits blieben.

    Mit freundlichem Gruß
    Jürgen Uecker

  2. Sehr geehrter Herr Reinhart,

    mit Interesse las ich Ihren Beitrag in der Wochenendausgabe und denke, dass ich eine Antwort auf Ihre Frage habe.
    Vor gut zehn Jahren entschied die Gesellschaft für Deutsche Sprache nach einem „Wortfindungs-Wettbewerb“ das Adjektiv „sitt“ für „nicht mehr durstig“ anzuerkennen. Jedoch konnte sich dieser Begriff nicht im deutschen Sprachgebrauch etablieren und fand auch keinen Eintrag im aktuellen Duden. (weitere Informationen hierzu finden Sie unter wikipedia – sitt).
    Arno Schmidt (der am heutigen 18.Januar übrigens 96 Jahre alt geworden wäre) beklagte schon vor Jahrzehnten in einem seiner Werke die „Armut der deutschen Sprache“ : „Jemand der nichts sieht ist blind, jemand der nichts hört ist taub, jemand der nicht sprechen kann ist stumm. Aber wie nennt man jemand, der nicht riechen kann?“ Der medizinische Fachausdruck dafür lautet Anosmie. Doch an einer Trivialbezeichnung für diesen Zustand fehlt es bis heute.

    Was den überflüssigen und beinahe inflationären Gebrauch der Anglizismen betrifft, kann ich nur den Rat geben, in einer der zahlreichen Kaffeebuden statt eines mitzunehmenden Café to go einen Kaffee Togo zu bestellen, und mit – wenn auch gespielter – Naivität dem Denglischen zu trotzen. Ein ratloser und verstörter Gesichtsausdruck der Kaffeeverkäuferin ist Ihnen sicher.

    Im Beiheft der „Zürcher Kassette“ Arno Schmidts findet sich zum Thema Anglizismen folgende Anmerkung :
    “ auch das – bei uns, in der Bundesrepublik, fast allzu geläufige Englische wird mit in den Dienst solch „verfremdenden Un=Recht=Schreibung“ gestellt : ich erinnere nur an „Kriemhild=Cream hilled“ ; oder die prachtvolle sprachliche „Parallelstraße“ vom „Kalten Krieg=Calton Creek“ “

    Ich wünsche Ihnen eine gute Woche und freue mich auf’s nächste Forum.

    Mit freundlichen Grüßen

    Thomas Verfürth

  3. Lieber Thomas Verfürth,
    danke für die interessanten Hinweise. Arno Schmidt habe ich kürzlich mal wieder gelesen („Seelandschaft mit Pocahontas“), ein großartiger, genialer Sprachartist: „… Trier : Männer rannten neben galoppierenden Koffern; Augenblasen argwöhnten in alle Fenster : bei mir stieg eine Nonne mit ihren Ausflugsmädchen ein, von irgend einem heiligen Weekend, Gestalten mit wächsernem queren Jesusblick …“.
    Mit dem Gegenteil von „durstig“ hat sich Robert Gernhardt im Jahr 1975 in der Zeitschrift „Pardon“ beschäftigt. In der Rubrik „Schreiben, die bleiben. Höhepunkte abendländischer Briefkultur, ausgewählt von Kaplan Klappstuhl, Folge 27“ verfasste er einen Brief an die Duden-Redaktion, in dem er den Mangel aufdeckte und abhilfehalber das Wort „verschmöll“ vorschlug. Unterzeichnet war das Schreiben mit „Werner Schmöll“. Half aber nichts, „schmöll“ setzte sich genauso wenig durch wie später „sitt“. Dazwischen gab’s noch „stulln“, das in der deutschen Version des Wörterbuchs „Der tiefere Sinn des Labenz“ von Douglas Adams und John Lloyd, bearbeitet von Sven Böttcher, vorkommt. „Sutt“, „schluf“, „fatt“ und „dedurstiert“ wurden bei einem 3sat-Wettbewerb vorgeschlagen (all das nachzulesen bei Axel Hacke: „Über das Suchen und Finden von Wörtern“).
    Wirklich großartig finde ich das Kompendium von Douglas Adams und seinen Mitstreitern. Sie haben mehr als 1000 Wörter gesammelt, die es schon gibt, die aber nach einer neuen Bedeutung lechzen. Nicht ganz ernst gemeint, natürlich, wie könnte es beim Autor von „Per Anhalter durch die Galaxis“ anders ein. Im Vorwort zur ersten Ausgabe von „The Meaning of Liff, 1983“ (deutsch: „Der tiefere Sinn des Labenz. Das Wörterbuch der bisher unbenannten Gegenstände und Gefühle“, verlegt bei Rogner & Bernhardt) heißt es: „Im Leben gibt es Tausende von Erfahrungen, Gefühlen, Situationen und sogar Gegenständen, die uns allen vertraut, bis heute jedoch nicht bezeichnet sind. Andererseits ist die Welt voll von unbenutzten Wörtern, die während ihres gesamten Daseins nichts weiter tun, als auf Schildern herumzuhängen und auf irgendwelche Orte zu deuten. Wir betrachten es daher als unsere Aufgabe, diese Wörter von den Wegweisern herunterzuholen und Babys, Säuglingen und dem Rest der Welt in den Mund zu legen, damit sie endlich ihren Beitrag zu alltäglichen Unterhaltungen leisten, nützliche, wertvolle Mitglieder der Sprachfamilie werden und eine sinnvolle gesellschaftliche Aufgabe übernehmen.“
    Im Lexikon finden sich einige herrliche Ortsnamen aus unserer Region mit ungeahnten Bedeutungen wie:
    • Trier, der
    Einer dieser kleinen Hunde, die einem das Hosenbein durchnässen, während man am Tisch sitzt und Kaffee trinkt.
    • Auw, das
    Ein aufgeworfenes Linoleum- oder Teppichstück, das jeder mit den Worten kommentiert: „Wenn das nicht befestigt wird, stolpert bestimmt irgend jemand drüber und bricht sich das Bein“, bis nach zwei Jahren jemand darüber stolpert und sich das Bein bricht.
    • Bekond (Adj.)
    Sich auffällig unauffällig verhaltend. Beschreibt das Verhalten von Prominenten, die viel Aufhebens darum machen, unerkannt ein Restaurant zu besuchen.
    • Daleiden (V.)
    In höchstem Maße unwillig sein, sich durch irgendetwas oder von irgendwem aus seinem Weltschmerz reißen zu lassen, insbesondere nicht durch Bemerkungen wie „Anderen geht es noch viel schlechter als dir“ oder selbstgekochtem Vanillepudding.
    • Heddert, das
    Ein locker fallendes Kleidungsstück aus Wolle, das bis zu den Knien reicht, mindestens drei Armlöcher hat und seine Entstehung der ebenso wohlmeinenden wie inkompetenten Tante des Trägers verdankt.
    • Hentern (V.)
    Jemanden, der einen zu Recht kritisieren will, den Wind aus den Segeln nehmen, indem man ihn sofort dermaßen üppig mit Komplimenten überschüttet, dass er schon nach wenigen Sekunden nicht mehr weiß, was er eigentlich hatte sagen wollen.
    • Irsch, der
    Ein peinlicher Vollidiot, der sich für charmant hält.
    • Kasel, das
    Eine braune Käseblase, die gasartige Substanzen enthält und bevorzugt aus Hawaii-Toasts wuchert.
    Viele Grüße!
    Peter Reinhart

  4. Guten Morgen Herr Reinhart,

    vielen Dank für Ihre schnelle und ausführliche Antwort.
    Auch wenn es über den Rahmen des Ursprünglichen hinausgeht, möchte ich die Sache mit den erfundenen Wörtern doch noch um eine Geschichte aus dem Buch >Auf alle Fälle Recht behaltenreponsulieren<, und erzählte den Hörern, auf welch wunderbare Weise dieses Wort zu allen Gelegenheiten verwendet werden kann, ohne dass die Mitmenschen nach dem Sinn oder der Bedeutung fragen.
    So bestellte er sich in einem Lokal seinen Nachtisch wie folgt: „Würden Sie mir bitte noch einen Pudding reponsulieren?“ – Der Ober nickte und brachte wenig später den Pudding, ohne eine Miene zu verziehen.
    Auf einem Postamt sagte er zu dem Schalterbeamten: „Würden Sie bitte diesen Brief nach Stuttgart reponsulieren?“ Auf den Einwand eines in der Warteschlange stehenden anderen Postkunden, er möge doch deutsch mit dem Beamten sprechen, dieser sei schließlich kein Akademiker, antwortete der Schalterbeamte, der dieses hörte, empört: „Hören Sie mal! Ich habe jeden Tag Hunderte von Briefen nach Stuttgart zu reponsulieren. Ich brauche Ihre Belehrung nicht! Ich weiß, was reponsulieren ist!“

    In Arno Schmidts Erzählung findet sich ein aus lauter unbekannten Wörtern bestehendes Gedicht, wobei jedes einzelne Wort aus OKENs Naturgeschichte entnommen ist.

    Ländlicher Spaziergang

    1
    Klöder drahlen
    Flappe zullen
    Fäsen schleipen schlinken söllen
    schwiedeln klinnen gullen flangen
    Sieve plumpen Rölse schwieken
    (Nixen mummeln ?)
    Zasel tufen
    Kausche schlutten uchten flahnen
    Schwerdel glitzen Mocke dusen
    Wäppel elsen pinten lieschen
    Schilfe binsen Teische tageln
    (oken ?)
    Narfen merren

    Und dies war nur die erste von sieben Strophen.

    So, nun reponsulieren Sie mal schön!

    Viele Grüße

    Thomas Verfürth

  5. Hallo Herr Reinhart,

    Ihr Beitrag ist lesenswert und inspirierend.

    Was das Gegenteil von durstig anbetrifft:

    (kein) Hunger = satt, (nicht) Durstig = schmöll!

    Jedenfalls hat mir das 1996 eine gewisse V. F., ihres Zeichens damalige Jurastudentin und Bauchtänzerin, immer gesagt. Soweit mir bekannt ist, hatte sich schmöll in gewissen Kreisen durchgesetzt und wurde Konvention.

    In Wikipedia findet man auch dies:

    Das Adjektiv sitt ist ein Wort, das das Gegenteil von durstig (also nicht mehr durstig) bedeuten soll.

    Da es im Deutschen kein verbreitetes Wort mit dieser Bedeutung gab, wurde 1999 von der Dudenredaktion in Zusammenarbeit mit dem Getränkehersteller Lipton im Rahmen eines Wettbewerbs mit mehr als 100.000 Beteiligten dieses Wort aus einer Vielzahl anderer Vorschläge ausgesucht.[1] Das Wort wurde in Anlehnung an satt gewählt, da satt das Gegenteil von hungrig ist.

    Das Wort hat sich aber bis heute im allgemeinen Sprachgebrauch nicht durchgesetzt, weshalb es auch nie in den Duden oder ein anderes großes Wörterbuch aufgenommen wurde.

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