Der ewige Mahlstrom

Walter F. Caspari schreibt per E-Mail: Ihren Bericht über den versuchten Terroranschlag auf ein Flugzeug haben Sie mit einem Foto illustriert (TV vom 28. Dezember). Die dargestellte Maschine ist auf keinen Fall der Airbus A330 der Delta Airlines, auf den der Anschlag verübt wurde, wie Sie in der Bildunterschrift behaupten. Vielmehr handelt es sich bei dem abgebildeten Flugzeug um eine DC-9 von Douglas-MacDonnell. Dies ist nur ein Beispiel für die relativ hohe Anzahl von Fehlern, sei es in der Berichterstattung oder Rechtschreibung in Ihrer Zeitung. Sie sollten für Abhilfe sorgen.
Lieber Herr Caspari,
vielen Dank für Ihre Zuschrift. Über Fehler in der Zeitung und ganz allgemein im Leben haben wir an dieser Stelle schon des Öfteren philosophiert. Was unternommen wird, um sie zu vermeiden, und warum sie trotz aller Vorkehrungen unvermeidlich sind. Ich will das nicht wiederholen, nur so viel: Irren ist menschlich, und ohne Fehler (in der Evolution!) würden wir vermutlich noch immer als Einzeller in der Ursuppe schwimmen und uns nicht so viele Gedanken machen.
Für sachdienliche Hinweise auf Irrtümer sind wir dankbar – nur wer erkennt, was er falsch gemacht hat, kann daraus lernen. Mancher Fehler bleibt unerklärlich, andere lassen sich nachvollziehen. Der Flugzeug-Fall etwa. Wie kam es dazu?
Texte und Fotos werden von Reportern, Korrespondenten, Agenturen auf unterschiedlichen Kanälen zur Verfügung gestellt. Tausende von Meldungen pro Tag, dazu fünfhundert und mehr Bilder. Stichwörter erleichtern die Zuordnung (hier: Terror, Nigerianer, Detroit). Die Redakteure sichten und gewichten die Nachrichten, wählen aus und verwerfen wieder, bearbeiten und komponieren die Seiten.
Das alles in Echtzeit: Die Informationen fließen unablässig, wie in einem gewaltigen Mahlstrom. Die pausenlose Überflutung mag eine Fehlerquelle sein. Immer mehr, immer schneller. Jemand hat ausgerechnet, dass Zeitungsleser in einer Woche mehr Wissen aufnehmen als die Menschen im 18. Jahrhundert in ihrem ganzen Leben.
Zurück zum Flugzeug: Hätte der zuständige Redakteur die Beschreibung des Fotos genau gelesen, wäre ihm aufgefallen, dass es sich nicht um die Maschine handelt, die beinahe explodiert wäre, sondern um ein Motiv, das symbolisch für die Flotte der Delta-Linie steht.
Damit Sie eine Vorstellung davon bekommen, hier der Original-Text der Deutschen Presse-Agentur (dpa): Delta planes are parked at the gate at Detroit Metropolitan Airport in Romulus, Michigan USA on 26 December 2009. A terror suspect who claimed to have al-Qaida connections could face charges as soon as today for attempting to blow up a Delta-Northwest flight as it was landing at Detroit Metro Airport on Friday. The man responsible for the attempted attack has been identified by U.S. officials as Umar Farouk Abdul Mutallab of Nigeria, a student reportedly studying in London. EPA/JEFF KOWALSKY +++(c) dpa – Bildfunk+++
Nun, der TV-Redakteur hat offenkundig nicht genau hingeschaut, er nahm an, dass es sich um den Terror-Flieger handelt, platzierte das Bild und betextete es mit, ähm, dichterischer Freiheit („Der Airbus 330 der US-Fluggesellschaft Delta … nach der Landung in Detroit“). Voll daneben.
Fehler sind ärgerlich. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht daran arbeiten, sie zu verhindern. Und doch passieren sie, beim Volksfreund wie in jeder anderen Redaktion und überall im richtigen Leben.
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Artikel der berühmten Encyclopaedia Britannica im Schnitt drei Fehler enthalten, und jeder Eintrag im Online-Lexikon Wikipedia deren vier. Der Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) meinte: „Jeder Fehler erscheint unglaublich dumm, wenn andere ihn begehen.“
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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