Klitzekleine Krater

Alois Mayer schreibt per E-Mail: Sehr geehrter Herr Reinhart, da Sie mir bereits mehrmals mit Ihrem Wissen geholfen haben, bitte ich nun erneut um Klärung.
Ein „Maar“ kennt jeder! Doch wie nennt man die Diminutivform, ein kleines Maar? Maarchen – Määrchen – Märchen?
In der Literatur findet man alle Schreibweisen. Teilweise sogar in demselben Text zweierlei Formen, so steht zum Beispiel auf www.tourismus.daun.de „Hetschenmäärchen am Holzmaar“ und auf folgender Seite „Strohner Märchen“.
Auf der Homepage der Ortsgemeinde Strohn steht einmal „Hochmoor Strohner Maarchen“, wenige Zeilen später „Strohner Märchen“ und erneut etwas weiter „Määrchen“. In der Rechtsverordnung über ein Naturschutzgebiet schreibt der Landkreis Daun 1984 vom „Strohner Märchen“ und das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum/Mosel vom „Strohner Määrchen“. Verschiedene Schreibformen finden sich auch in Karten und Literatur des Eifelvereins und in geologischen Fachbüchern. „Verlandete Seen werden „dürre Märchen“ genannt“ – es gibt aber auch „Arachnologische Studien in den Dürren Määrchen am Holzmaar …“
In Lexika konnte ich bisher noch keine eindeutige Aussage finden, außer Maar + chen = Maarchen. (Aber wie ist das mit Haar – Haar-chen? Saal – Saal-chen?)
Ein Anruf beim TV ergab die übermittelte Antwort: „Zu ‚Maar‘ gibt es überhaupt keine Verkleinerungsform!“ Nun, der TV hat aber bereits mehrmals anderes berichtet, etwa über den „Määrchen-Naturwaldpfad am Holzmaar“, über die „Lavabombe am Strohner Märchen“.
Ich bin sicher, Ihre Antwort wird mir und vielen treuen Lesern Ihrer Zeitung unterhaltsame Aufklärung bieten.

Lieber Herr Mayer,
vielen Dank für die Blumen. Eine knifflige Frage! Im Irrgarten der Sprache blühen ja vielerlei wundersame Exoten. Ihre Fundstücke zählen dazu.
Das Wort „Maar“ als Bezeichnung für einen Kratersee ist laut Kluges Etymologischem Wörterbuch noch recht jung und wird erst seit dem 20. Jahrhundert verwendet. Entlehnt ist der Begriff aus dem spätlateinischen „mara“ (See), das auf „mare“ (Meer) zurückgeht. Als Bestandteil von Namen ist „Maar“ schon älter.
So weit, so einleuchtend. Wie aber ist das mit dem Diminutiv, der Verkleinerungsform? Wer im Deutschen etwas verniedlichen will, hängt meist die Nachsilbe -chen an: das Bübchen, das Bierchen, das Bäumchen.
Seltener ist das Suffix -lein: das Männlein, das Weiblein, das Kindlein. In der Umgangssprache ist mitunter das Doppelmorphem -el-chen zu hören, etwa: das Bächelchen, das Tüchelchen, das Beutelchen.
Was der Sprachwissenschaftler „hypokoristische Anredeform“ nennt, klingt im richtigen Leben viel zärtlicher: Schatzi, Mutti, Vati, Omi, Opi, Heini, Trixi, aber auch Wessi, Ossi oder Knacki stehen beispielhaft für die beliebte Diminutivbildung mit dem Anhängsel -i.
Bekannte Schrumpel-Hilfen sind die Endungen auf -ette (Stiefelette, Sandalette) sowie die Vorsilbe Mini- (Mini-Haus, Mini-Maus, Mini-Cooper).
Beim Verkleinern mit -chen und -lein gilt bis auf wenige Ausnahmen die Faustregel: Das Grundwort erhält einen Umlaut. Die Mauer schrumpft zum Mäuerchen, die Stube zum Stübchen, das Lamm zum Lämmlein.
Bei Doppel-Vokalen ist’s komplizierter: Aus dem Haar wird das Härchen, aus dem Saal das Sälchen – aber aus dem Maar mitnichten das Märchen. Das wäre zwar sprachlich korrekt, führte aber auf die falsche Fährte: Rotkäppchen (!), Rumpelstilzchen (!), Schneeweißchen (!), das tapfere Schneiderlein (!) und die sieben Geißlein (!) würden sich wohl außerordentlich wundern, versenkte man sie in einer klitzekleinen kraterförmigen Senke, die vom letzten Vulkanausbruch übrig geblieben ist. Nein: Ein Märchen ist kein mickriges Maar, sondern ein Diminutiv vom mittelhochdeutschen „maere“ = Erzählung, eine kleine Erzählung also.
Das Määrchen mit Doppel-ä gibt’s nicht einmal im Märchen, sondern nur in der Umgangssprache.
Bleibt noch das Maarchen. Ja, das wäre niedlich, knarzt aber so garstig, dass es nur schwer über die Lippen kommt. So wie das Meer, das zu einem Meerchen eindampft, oder der See, der zu einem Seechen zusammenläuft. Brrr! Wenn es denn unbedingt sein muss, ist Maarchen unter den Diminutiv-Vorschlägen die beste Wahl, weil semantisch eindeutig. Im Grunde jedoch sind die von Ihnen, lieber Herr Mayer, entdeckten Märchen, Määrchen und Maarchen allesamt mundartliche Sonderformen. Durchaus möglich, dass sich die eine oder andere Variante dereinst im Wortschatz etabliert. Sprache wandelt sich; je häufiger neue Wörter – und seien sie noch so „falsch“ – verwendet werden (auch in den Medien), desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie früher oder später wie selbstverständlich zur Standardsprache gehören. Bis dahin halten wir es mit Shakespeare – wie es euch gefällt.
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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