Butt in Trimport, Bordeaux in Trier

Gerd Strellen aus Trimport meint: Nachdem ich mich schon sehr lange über die völlig überzogene Medienpräsenz des FC Bayern München wundere, hat diese nun mittlerweile zu meinem Ärger auch den Trierischen Volksfreund erfasst.
Wöchentlich an mindestens zwei, manchmal an drei Tagen ist der Headliner auf der ersten Sportseite Ihrer Zeitung ein Bericht mit großem Farbfoto über diesen süddeutschen Verein, der geographisch gesehen etwa so weit weg von Trier ist wie Hamburg oder Bremen.
Vergeblich suche ich für mich den Grund, warum ein Fußballverein, der seit Jahren seinen eigenen Ansprüchen hinterher hinkt, von den Medien quasi als Retter des deutschen Fußballs gefeiert wird.
Selbst im Volksfreund wird ein 2:1 Heimsieg gegen die Übermannschaft von Eintracht Frankfurt, zustande gekommen durch ein Kopfballtor eines Innenverteidigers zwei Minuten vor Spielende, als taktische Meisterleistung des Herrn van Gaal gefeiert. Mit Verlaub: Das taktische Mittel, kurz vor Schluss einen kopfballstarken Verteidiger nach vorne zu beordern, gibt es schon seit mindestens 40 Jahren und zeugt nicht von einer taktischen Meisterleistung, sondern von Brechstangenfußball.
Warum der Aufmacher der Sportseite vom 4. November ein Bericht (natürlich mit großem Farbfoto) über den Münchener Torwart Butt war, erschließt sich mir ebenfalls nicht. Gab es an diesem Tag keine wichtigere Sportmeldung als diese Hommage an einen Mittdreißiger, der in seinem ganzen Leben Bundesliga-Durchschnitt war und noch nichts gewonnen hat?
Diese Aufzählung über meiner Meinung nach völlig überzogene Medienpräsenz des FC Bayern könnte ich beinahe beliebig fortführen. Vielleicht wird damit das Operettenpublikum in der Allianz-Arena befriedigt, durchaus soll es aber auch fußballinteressierte Menschen geben, die dieser Berichterstattung die in großen Teilen der „Sport-Bild“ oder der „Bravo-Sport“ ähnelt, überhaupt nichts abgewinnen können. Mich interessiert es jedenfalls nicht, ob der überbewertete Herr van Gaal sich von seinen Kindern siezen lässt oder ob Herr Ribery gerade einen gelben oder rosafarbenen Schuh spazieren trägt.
Dieser Verein scheitert seit Jahren frühzeitig international und war seit fast 550 Tagen nicht mehr Tabellenführer der Bundesliga, womit hat er das verdient? Oder streckt Aufsichtsratsmitglied und Focus-Herausgeber Helmut Markwort seine Fühler in ganz Deutschland nach der Presse aus?
Ich wünsche mir im Sinne aller Fans von Bayer Leverkusen, dem Hamburger SV, von Werder Bremen, dem 1. FC Köln, dem FC Schalke 04 oder auch dem VFL Bochum oder dem 1. FC Nürnberg mehr Ausgewogenheit.

Lieber Herr Strellen,
vielen Dank für Ihr Schreiben. Auf den Sport-Seiten des TV befassen wir uns hauptsächlich mit regionalen Themen. Dazu kommt täglich das Wichtigste aus dem überregionalen Sport. Bei dieser Sortierung ist es leider nicht möglich, die große weite Welt der Leibesübungen in allen Einzelheiten abzubilden, wie das etwa „Sport Bild“ oder der „Kicker“ oder auch überregionale Zeitungen wie die „Frankfurter Allgemeine“ leisten. Beim TV finden Sie, was Sie sonst nirgendwo finden, den regionalen Sport. Neben diesem Schwerpunkt gilt es, sich auf bedeutsame Ereignisse zu konzentrieren. Heute, ganz klar, der traurige Fall Robert Enke. In den vergangenen Wochen war es des Öfteren der FC Hollywood, pardon, der FC Bayern München. Dieser Verein polarisiert wie kein anderer: Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. Das erzeugt immer wieder Reibung, die sich in den Medien niederschlägt.
Wir bemühen uns, auch über die weniger glamourösen Bundesliga-Vereine zu berichten, dies gelingt zumindest nach den Spieltagen in den Montag-Ausgaben auf zwei bis drei Seiten. Aber bei allem Verständnis für die „Kleinen“: Der VfL Bochum oder der 1. FC Nürnberg bieten für die meisten Leser nicht sooo viel spannenden Stoff. Will sagen: Wenn die Redaktion unter der Woche Platz hat für EINE Geschichte aus der Bundesliga, und es stehen zur Wahl ein Stück über die Aufarbeitung des jüngsten Debakels der Millionarios aus München oder die aktuellen Verletzungssorgen in Bochum, wird die Entscheidung zugunsten der Bayern fallen. Das ist aber genauso üblich beim Trainer-Rauswurf in Berlin oder bei der Finanzkrise auf Schalke. „Gesetzt“ ist nicht der FC Bayern, sondern das jeweils spannendste Thema.
Bei Abendspielen (Champions League, Nationalmannschaft etc.) ist zu beachten: Der Volksfreund wird ab 20 Uhr gedruckt, in zwölf verschiedenen Ausgaben. Je weiter weg vom Druckort Trier, desto früher der Andruck, um den Vertrieb so zu gewährleisten, dass die Zeitung am Morgen um sechs Uhr beim Abonnenten im Briefkasten steckt. Der Nachteil: Um 20 Uhr sind Fußball-Spiele unter der Woche oft noch nicht einmal angepfiffen, geschweige denn beendet. Die Leser der „frühen“ Ausgaben finden am nächsten Tag in ihrer Zeitung dann nicht den Spielbericht, sondern eine andere – hoffentlich – interessante Geschichte. In Ihrem Beispiel die Story über Jörg Butt. Quasi einen Ersatz-Stoff. Nach Spielschluss ist für ungefähr die Hälfte der Ausgaben der Bericht von der Partie der Bayern gegen Bordeaux „nachgeschoben“ worden (übrigens auch das Wolfsburger 3:0 gegen Istanbul). Also, stark verkürzt gesagt: Butt in Trimport, Bordeaux in Trier. Am darauffolgenden Tag dann – natürlich – erneut eine Bayern-Story, diesmal in allen Ausgaben für alle Leser, in der die 0:2-Pleite analysiert worden ist.
Unter diesen Produktionszwängen „leiden“ alle Zeitungen: Was bis zum Redaktionsschluss nicht vorliegt, kann nicht berichtet werden. So lange es eine Möglichkeit gibt, wird nach Redaktionsschluss aktualisiert. Dann sind aber viele Exemplare schon gedruckt und auf dem Weg zu den Kunden. Ein gutes Beispiel dafür ist der heutige Tag: Die überregionalen Blätter erwähnen Robert Enke in ihren ersten Ausgaben mit keiner Silbe.

P.S.: Als Leserbrief kann ich Ihre Zuschrift in dieser Form leider nicht veröffentlichen, weil nur ein Teil der Leser verstehen würde, um was es geht (Butt-Artikel nur in Eifel- und Mosel-Ausgaben, nicht in Trier und Umgebung). Ich lade Sie aber herzlich ein, sich generell per Leserbrief zum Thema „Medienpräsenz des FC Bayern“ zu äußern.

P.P.S.: Der Herr Markwort vom Focus hat nichts, aber auch gar nichts damit zu tun. Peinlich genug, dass ein angeblicher Top-Journalist sich so von einem Verein vereinnahmen und beim Jubeln oder Weinen auf der VIP-Tribüne filmen lässt. Unter „unabhängigem Journalismus“ verstehe ich etwas anderes.

Viele Grüße!
Peter Reinhart

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.