Blut, Schweiß und Tränen

Gustav Schröder aus Sassen in der Vulkaneifel meint: Kürzlich habe ich im Sport-Teil die Überschrift „Am Boden zerstört“ gelesen. Dieser Ausdruck, der den Zustand der deutschen U20-Nationalmannschaft nach der Niederlage gegen Brasilien umschreiben soll, ist unvollständig. Eigentlich müsste es heißen: „Der Rest wurde am Boden zerstört.“ So lautete nämlich der Text in den Wehrmachts-Berichten des „Dritten Reichs“. Ähnliche Begriffe, die sich leider bis heute erhalten haben, findet man bei Victor Klemperer in LTI (Lingua Tertii Imperii), dem „Notizbuch eines Philologen“.
Lieber Herr Schröder,
vielen Dank für Ihren Hinweis. Ist der moderne Sport die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln, wie manche Kritiker meinen? Sind Sportreporter also Kriegsberichter, die Wettkämpfe in martialischer Sprache aus der Schützengraben-Perspektive beschreiben?
Ich behaupte: nein. Das war im letzten Jahrhundert vielleicht so, und hin und wieder finden sich noch Belege für die alte Blut-Schweiß-und-Tränen-Metaphorik – vor allem in englischen Boulevard-Blättern.
Doch die Zeiten, in denen treffsichere Mittelstürmer den Beinamen „Bomber“ erhielten oder die Bälle wie „Granaten“ im Tor einschlugen, sind vorbei. Die Sprache des Sports ist emotional und bildhaft, aber politisch korrekt – und klingt nicht mehr wie ein Auszug aus dem Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht. Meistens jedenfalls. „Am Boden zerstört“ ist freilich Militär-Jargon, brutal, aber ideologiefrei – bis die Floskel von der NS-Propaganda vereinnahmt worden ist. „Der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang, und die mechanisch und unbewusst übernommen wurden“, schreibt Victor Klemperer in seinem berühmten Buch über die Nazi-Diktatur. Und weiter: „Worte können sein wie kleine Arsen-Dosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“
Menschenmaterial, Volksschädling, Entjudung, Rassenhygiene, Endlösung, entartet – das waren zentrale Begriffe im Vokabular von Hitler, Goebbels und ihren Schergen. Unwörter, die seit dem Ende der Hakenkreuz-Herrschaft tabu sind. Dagegen gilt die Floskel „am Boden zerstört“ heute als unverdächtig, sozusagen als entnazifiziert. Sie kommt in der Alltagssprache vor und in den Medien. Und auch im Repertoire einiger Sportreporter, die ihre Zuschauer, Hörer und Leser mit dem Phrasendreschflegel mürben. Aber das ist eine andere Geschichte.
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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