Die Schlange und der Apfel

Bruder Stephan Reimund Senge vom Kloster Himmerod schreibt: Samstag-Ausgabe, Seite eins: Boris Becker. Traumhochzeit. „Wütend bin ich“, sagt einer unserer Gäste. „Unverschämt!“, der nächste. „So was müsste man abbestellen“, der dritte. Ich kann nur den Kopf schütteln. Schlimm, dass ernsthafte Talkshows und Boulevardblätter diesen Frauenjäger und Dümmling, der noch weniger als nichtssagend ist, hochpreisen und einladen. Und nun dies auch noch im TV auf den Seiten „1″ und „32″.
Gibt es nicht hundert andere interessante, informative, lesens- und schauenswerte Meldungen und Bilder als ausgerechnet dieses!? Dem Leser wird ein Geschmack zugemutet und oktroyiert, der untere Schublade ist. Schlimm genug, wenn viele Medien uns „ein-manipulieren“ wollen, was wichtig ist. Der TV sollte sich da nicht anpassen.
Lieber Bruder Stephan,
vielen Dank für Ihren Brief. „So nahmen wir uns vor, die, die gern lesen, zu unterhalten, denen, die mit Eifer auswendig lernen, zu helfen, allen aber, die das Buch auf irgendeine Weise in die Hand bekommen, zu nützen.“ So steht es im Alten Testament (2 Makk 2,25). Eine Formel, mit der sich der Arbeitsauftrag von Journalisten gut beschreiben lässt: unterhalten – helfen – nützen.
Nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch. Was der nette Nachbar treibt, ist und bleibt privat. Öffentlich verhandelt werden von alters her die Heldentaten der Reichen, Schönen und Berühmten. Die Irrungen und Wirrungen, die Höhenflüge und Abstürze, die Eskapaden und Skandale der erstbesten Gesellschaft. Geld. Macht. Sex. Klatsch und Tratsch. Indiskret. Amüsant. Lehrreich. Mal antike Tragödie, mal Schmierenkomödie.
Das Publikum erschauert und ergötzt sich in klammheimlicher Freude. Die einen leiden mit, die anderen lästern: Sieh an, die hochwohlgeborenen Royals plagen sich im Alltag mit genau denselben Ränkespielen wie Frieda Krabautzke aus der dritten Etage! Der Lederhosen-Politiker, der im Wahlkampf auf Tugendbold und Familie macht, zeugt außerehelich ein Kind! Der rätselhafte Tod der schillernden Pop-Ikone! Der sagenhafte Tennis-Titan, der von einem amourösen Abenteuer ins nächste hechtet!
Alle Medien beschäftigen sich mehr oder minder ausgiebig mit dem, was sich auf dem Boulevard der Neugierde, auf der Avenue der Eitelkeiten zuträgt. „Denn niemand wirkt im Verborgenen, wenn er öffentlich bekannt sein möchte“, heißt es im Evangelium (Joh 7,4).
Der legendäre Münchner Gesellschaftsreporter Michael „Baby Schimmerlos“ Graeter meint: „Klatsch gibt es seit Adam und Eva – die Schlange und der Apfel. Klatsch ist mächtig – über das Gspusi zwischen Cäsar und Kleopatra spricht man noch heute. Wir brauchen den Klatsch. Er ist unser sozialer Klebstoff, so überlebenswichtig wie das Atmen.“
Inmitten all der deprimierenden Neuigkeiten aus dem Weltdorf, die Tag für Tag die Nachrichtenlage beherrschen, bringen die Umtriebe der High Society die Würze. „Isst man denn ungesalzene Speise?“, fragt der gerechte Mann in der Bibel (Hiob 6,6). „Wer hat Geschmack an fadem Schleim?“
Es geht uns Zeitungsmachern nicht darum, die Leser zu manipulieren, ihnen etwas aufzuzwingen. Im Gegenteil, wir servieren mundgerecht eine Auswahl aus dem gewaltigen Vorrat an Meldungen. Jeder darf frei wählen, was er genießt, und was er lieber verschmäht.
Ein Beispiel: Montag-Ausgabe, Seite eins des Lokalteils Wittlich. Im Zeichen des Kreuzes. Der Ritterorden der Tempelherren hat seinen Stammsitz in Himmerod. Ein Seiten-Aufmacher mit Foto und zwei Extra-Texten. Viele Zeilen über die 18Wächter des Heiligen Grals. „Man sage nicht: Wozu dies, wozu das? Denn alles ist für seinen besonderen Zweck bestimmt. Man sage nicht: Dies ist schlechter als das. Denn alles ist zu seiner Zeit von Wert.“ (Sir 39,21)
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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2 Kommentare

  1. Lieber Herr stellv. Chefredakteur Peter Reinhart,

    ein wenig gewundert habe ich mich schon, warum Sie die Äusserung von Bruder Stephan Reimund Senge vom Kloster Himmerod so anspruchsvoll kommentieren.

    Ich denke, der Beitrag des Brudes aus Himmerod zeigt in die Richtung, die auch von den meisten Menschen geteilt wird: hat man sich durch mehr oder weniger medienwirksame Aktionen in den Vordergrund einer Gesellschaft gespielt, wird man wahrgenommen und kann jedes noch so wenig vorbildhafte Treiben ungeniert inszenieren. Man kriegt sogar noch Geld dafür.
    Dass ein Mann aus dem geistlichen Stand das kritisch anmerkt ist gut nachzuvollziehen. Finden Sie nicht?

  2. Lieber Joe,
    die Anmerkungen von Bruder Stephan zum „kulturellen Niedergang“ sind gut und spiegeln die Meinung vieler Menschen wider. Deshalb habe ich sie ja auch aufgegriffen. Ich verteidige nicht die Eskapaden eines Boris Becker oder anderer Prominenter. Mein Versuch:
    erstens zu erklären, warum über Klatsch & Tratsch in allen Medien berichtet wird (im Idealfall kritisch – siehe die „Nachrufe“ auf Michael Jackson im Volksfreund);
    zweitens, dass dies nichts Neues ist, sondern eine Konstante in der Geschichte der Menschheit (von den ersten schriftlichen Zeugnissen über die Bibel bis in die Gegenwart);
    drittens, dass niemand etwas lesen muss, was ihm nicht gefällt, es gleichwohl zum medialen Angebot gehört, alle Bereiche des Zeitgeschehens auszuleuchten.
    Herzliche Grüße!

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