Früher war mehr Lametta

Manuela Sages aus Trier schreibt zur Berichterstattung über den Trierer Bischof Stephan Ackermann: Ich wurde unfreiwillig Zeugin einer Unterhaltung auf einer Parkbank.
A: Hast du neulich auch den Artikel „Fleischkäse beim Bischof“ im TV gelesen?
B: Ja, hab‘ ich. Aber ehrlich gesagt, mir wäre das schon recht unangenehm, wenn ich am nächsten Tag in der Zeitung lesen müsste, was meine Gäste am Vortag bei mir gegessen haben oder was ich einpacke, wenn ich irgendwohin gehe.
A: Ja, mir auch. Ich weiß ja nicht, ob das dem Bischof egal ist oder wie er darüber denkt. Man müsste ihn mal fragen.
B: Ja, dabei gäb’s doch so viele andere Dinge, über die man berichten könnte, zum Beispiel darüber, dass er doch tatsächlich nach seiner Ernennung noch die Zeit gefunden hat, in einem kleinen Dörfchen eine Prozession zu begleiten und im anschließenden Gottesdienst eine gehaltvolle Predigt zu gestalten. Das kostet ja auch Vorbereitung.
A: Das sagst du gut. An einer anspruchsvollen Predigt sitzt man stundenlang.
B: Hätten die vom Volksfreund mal so etwas aufgegriffen. Sie hätten doch drei Fliegen mit einer Klappe schlagen können.
A: Wie meinst du das?
B: Na ja, sie hätten mal über Bräuche und Traditionen unserer Gegend berichten können, sie hätten Informationen über die Arbeit des Bischofs geben können, und wenn sie dann noch geschickt einige Zitate aus seiner Predigt angeführt hätten, wäre das noch eine Möglichkeit gewesen, die Leser eventuell zu einer geistigen Erneuerung zu inspirieren.
A: Gute Idee! Weißt du, ich lese ja jetzt auch schon seit über 40 Jahren den Volksfreund, und ein Tag ohne Volksfreund ist für mich kein runder Tag, aber manchmal habe ich Sehnsucht nach dem Niveau von früher, da war nicht so viel Fleischkäse drin.
B: Ja, ganz meine Meinung. Meinst du, man könnte da mal was machen?
A: Keine Ahnung. Man könnte es ihnen vielleicht mal sagen.
B: Gute Idee, aber dann früh genug, nicht dass nächstens in der Zeitung steht, wo der Bischof seine Unterwäsche kauft.
A und B sprachen mir aus dem Herzen. Ich weiß nicht, ob sie sich an Sie wenden werden, deshalb tue ich es, und ich habe auch in zahlreichen Gesprächen feststellen können, dass nicht wenige meine Meinung teilen.

Liebe Frau Sages,
vielen Dank für Ihren Brief. Der Dialog auf der Parkbank mit der herrlichen Pointe „Früher war nicht so viel Fleischkäse drin“ hat mich an einen Sketch von Loriot erinnert. „Früher war mehr Lametta“, das legendäre Weihnachtsfest bei Familie Hoppenstedt …
Mag sein, dass auch in der Zeitung früher mehr Lametta war. Mehr Weihrauch. Mehr Geläut. Mehr Predigt. Das hat sich geändert. Weil sich die Menschen ändern (und ihr Umgang mit den Medien), weil sich die Medien ändern (und die Menschen, die sie machen), weil sich die Kirche ändert – und ihre Protagonisten.
Als aufmerksame Leser haben „A“ und „B“ sicherlich bemerkt, dass der TV sehr oft und sehr umfangreich über den neuen Trierer Bischof berichtet hat. Seine Wahl, sein Wirken, sein Wappen. Was will er erreichen? Wie geht er seine Aufgabe an? Wie wird er das Bistum führen? Und: Wie ist er denn so, als „Typ“? Es heißt, dass Stephan Ackermann gern auf Menschen zugeht. Dass er mit Menschen umzugehen weiß. Er ist kein abgehobener Würdenträger, er kann „mit de Leut“. Er serviert seinen Umzugshelfern Fleischkäse und Kartoffelsalat. Das menschelt. Das macht ihn sympathisch. Sein Vorgänger Reinhard Marx ließ sich mit Fußball, Fahrrad, Zigarre oder Narrenkappe fotografieren, manche sagen: inszenieren. Auch gut. Derlei nennt sich Öffentlichkeitsarbeit, PR oder Marketing – und interessiert viele Leser.
Die geistige Nahrung kommt darob nicht zu kurz. Bischof Ackermann bei Papst Benedikt in Rom, Bischof Ackermann bei der Quiriakus-Prozession in Taben-Rodt, Bischof Ackermann bei der Wallfahrt zum Apostelgrab St. Matthias – nur einige Stationen, über die der TV zuletzt berichtet hat. Und dass wir Sie über die theologische Positionierung des Bischofs auf dem Laufenden halten, versteht sich von selbst – ganz ohne Lametta.
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

Veröffentlicht inAllgemein

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