Der Wunk mit dem Zaunpfahl

Jürgen Lang aus Konz schreibt: Ich würde mich freuen, wenn Sie bei einer Redaktionssitzung einmal auf einen grammatikalischen Fehler hinweisen würden. In der letzten Zeit habe ich im TV wiederholt das Perfekt Partizip des Verbs „winken“ als „gewunken“ gelesen. Dies tut einem Germanisten und Deutschlehrer recht weh, muss es doch „gewinkt“ heißen. „Winken“ ist ein sogenanntes schwaches Verb und schwache Verben bilden das Perfekt Partizip, indem sie vor das Verb die Vorsilbe „ge“ setzen und an den Stamm des Verbs das Dentalsuffix „t“ anhängen. Dabei wird nicht wie bei den starken Verben meist der Stammvokal – je nach Ablautreihe – verändert.
Für viele Deutsche mag „gewunken“ in Analogbildung zum Beispiel zu stinken, trinken oder sinken schöner klingen als „gewinkt“, dann müsste das Präteritum (Imperfekt) aber „wank“ und nicht „winkte“ heißen.
Ich würde mich freuen, vielleicht in Zukunft im TV – der im regionalen Teil sehr gut und im überregionalen Teil durchaus annehmbar ist – die richtige Form finden zu können. Dabei lese ich gerne, was immer mal in der Eile der Herstellung einer Tageszeitung passiert, über manchen Schreibfehler oder ein vergessenes Wort hinweg. Ich sehe diese Bemerkungen von mir als hinweisenden Wink, nicht als Wunk oder Wank.

Lieber Herr Lang,
vielen Dank für Ihren netten Brief und die wunderbare Wort-Kunde. Beim Lesen erblich, äh, erbleichte ich zunächst, erschrocken, nein, erschreckt ob des Lapsus Linguae, schließlich haute, Verzeihung, hieb ich mir vor Vergnügen auf die Schenkel. Es ist schon ein Graus mit den starken und schwachen „Verbiern“, wie Bastian Sick sie tituliert („Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod“). Und es ist erschütternd, wie lieblos Journalisten oft mit ihrem Handwerkszeug, der Sprache, umgehen.
Tatsächlich, das elektronische Archiv der Zeitung bringt es an den Tag: Es wird immer häufiger falsch „gewunken“. Typisch TV? Beileibe nicht. Bestseller-Autor Sick stellt bei seinen Lesungen genau diese Frage: „gewinkt“ oder „gewunken“? Die meisten Menschen entscheiden sich, im Süden wie im Norden, im Osten wie im Westen, für die grammatikalisch falsche Antwort.
Die Welt ist eine Google: Wer im Internet nachforscht, findet flugs Belege für die verbreitete Unsicherheit der Sprachnutzer – und dafür, dass doppelt so oft „gewunken“ wie „gewinkt“ wird.
Erstaunliches offenbart der Blick in den Duden, das Standardwerk der Rechtschreibung:

  • 18. Auflage, 1980: winken; gewinkt;
  • 20. Auflage, 1990: winken; gewinkt (nicht korrekt: gewunken);
  • 23. Auflage, 2004: winken; gewinkt (häufig auch gewunken [gilt als standardsprachlich nicht korrekt]);
  • 24. Auflage, 2006: winken; gewinkt (häufig auch gewunken);
  • „Duden Korrektor 5.0″ heißt das Programm, mit dem alle Artikel, die der TV druckt, automatisch auf Rechtschreibung und Grammatik geprüft werden. Es winkt „gewunken“ ohne Mucken durch …

Oha! Vor dreißig Jahren von den Hütern der Sprache ignoriert, vor zwanzig Jahren als „nicht korrekt“ bewertet, hat sich das falsche Perfekt Partizip emanzipiert; es gilt inzwischen als (fast) gleichberechtigt. Eine Tendenz, die dem „Grimmschen Wörterbuch“ zufolge bereits im Mittelhochdeutschen einsetzte.
Was wieder einmal zeigt: Sprache lebt, verändert sich. Mundartliche Wendungen schleichen sich ein in die Standardsprache. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich irgendwo der erste „Wunk mit dem Zaunpfahl“ findet.
Die TV-Redaktion wird sich bemühen, fürderhin wieder ordnungsgemäß zu winken. Lieber Herr Lang, bleiben Sie uns wohlgesonnen, pardon: wohlgesinnt.
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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