Das Leben ist eine Liste

Heinz Kraemer aus Bernkastel-Kues schreibt: In den Medien erscheinen von Zeit zu Zeit Berichte über die Superreichen dieser Welt. So war kürzlich im TV zu lesen, dass der Stahl-Magnat Lakshmi Mittal mit 19,3 Milliarden Dollar zu den vermögendsten Menschen der Welt zählt (Platz acht der „Forbes-Liste“). Gleichzeitig heißt es, dass sein Konzern Arcelor-Mittal tief in den roten Zahlen steckt (26,3 Milliarden Dollar Schulden zum Jahreswechsel). Ein anderer Superreicher, der deutsche Pharma-Milliardär Adolf Merckle, hat Selbstmord begangen; es hieß, die wirtschaftliche Notlage seines Firmen-Imperiums habe ihn in den Tod getrieben.
Welchen Wahrheitsgehalt haben solche Listen? Muss nicht Soll und Haben gegeneinander aufgerechnet werden? Oder gilt hier: Von fremder Leute Leder ist gut Riemen schneiden!

Lieber Herr Kraemer,
vielen Dank für Ihren Brief. Wer ist die Schönste im ganzen Land? Der Stärkste? Die Reichste? Der Berühmteste? Die Größte? Der Kleinste? Die Schnellste? Der Langsamste? Fragen über Fragen, die von alters her die Menschheit faszinieren. Es lässt sich halt so herrlich darüber lästern. Spekulieren. Fabulieren. Klatschen. Tratschen. Staunen. Raunen.
Alles, was es zu diesem beliebten Gesellschaftsspiel braucht, sind: Ranglisten.
Mit den sieben Weltwundern fängt der Geschichtsschreiber Herodot vor zweieinhalb Jahrtausenden an, mit den größten Helden der Antike (Herkules? Odysseus? Oder doch Achilles?) geht es weiter. Und heute? Was wäre die Welt ohne Rankings? Weit mehr als  100.000 dieser Hitparaden kursieren, hat neulich jemand gezählt. Alles und jedes wird in Tabellen, Titeln und Top-Ten-Tafeln erfasst:

  • Einige dienen der ernsthaften Orientierung und der Verbraucher-Information: die besten Universitäten, die umweltfreundlichsten Autos, die billigsten Lebensversicherer.
  • Manche erfassen mehr oder minder spannende statistische Daten: die Einschaltquoten beim Fernsehen, die klügsten Siebtklässler, sortiert nach Bundesländern, der Preis-Index von Hülsenfrüchten in den vergangenen vierzig Jahren.
  • Viele unterhalten mit kurioser bis abseitiger Faktenhuberei, etwa der Bestseller-Autor Ben Schott mit seinem „Sammelsurium“: die Techniken der Weissagung von Plumbomantie (Lesen in gegossenem Blei) bis Gelomantie (Interpretation von hysterischem Gelächter), die 33 Freimaurer-Grade vom Lehrling zum Souveränen General-Großinspekteur, das letzte Abendmahl auf der Titanic am 14. April 1912 (neun Gänge, von Austern über Lamm mit Minzsauce zum Waldorf-Pudding).

Nutzloses Wissen? Vielleicht. Aber sehr amüsant. Das Leben ist eine Liste.
Zu den renommiertesten Ranking-Rechercheuren zählen die Redakteure des New Yorker „Forbes Magazine“, die Ranglisten zu verschiedenen Themen zusammenstellen. Die bekannteste: „The World’s Billionaires“, zu Deutsch „Die Milliardäre der Welt“. Seit 1987 finden sich hier alle Superreichen mit einem persönlichen Vermögen von mindestens einer Milliarde US-Dollar. Bei der Berechnung stützt sich „Forbes“ auf öffentlich bekannte Unternehmensbeteiligungen sowie die Aktienkurse an einem Stichtag. Dazu kommen Schätzungen von Marktexperten. Gewertet wird die private Finanzsituation, nicht die der Unternehmen (für die erstellt „Forbes“ eigene Listen).
1125 Milliardäre zählte das Magazin vor einem Jahr, jetzt sind es nur noch 793 (darunter 55 Deutsche). Die globale Krise schröpft den Geldadel. Beispiel Lakshmi Mittal: Der Inder wird auf 19,3 Milliarden Dollar taxiert. Das bedeutet Platz acht in der Welt. Vor zwölf Monaten lag er noch auf Rang vier (45 Milliarden Dollar). Der Ärmste …
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

Veröffentlicht inAllgemein

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.