Adel verpflichtet

Otto Müller aus Morbach schreibt: Wie überall in den Medien wimmelt es im TV nur so von Experten. Jeder, der irgendein dummes Zeug verzapft hat, ist sofort ein selbsternannter Experte. Und der Volksfreund druckt diesen Mist auch noch ab. Bestes Beispiel ist die Stilkunde von Salka Schwarz im Wochenend-Journal. Für wie dumm, doof oder ungebildet hält diese Tante eigentlich die Leser des TV? Es fehlt nur noch ein Bericht über den „stilvollen Gang zum WC“. Es ist zum Kotzen, eine solche Verdummung in der Zeitung zu lesen. Sind diese Berichte etwa kostenlose Werbung für das Buch der Dame, oder bekommt man für diesen Mist auch noch Honorar?
Lieber Herr Müller,
vielen Dank für Ihren Brief. „Benehmen ist Glückssache“, heißt es im Volksmund. Der Spruch ist wohl ironisch gemeint, denn: Manieren, Etikette und Höflichkeit kann man lernen – und wer beruflich oder gesellschaftlich erfolgreich sein will, braucht diese Tugenden mehr denn je.

  • Bewerber, die grundlegende Umgangsformen nicht beherrschen, fallen bei Personalchefs durch. Rund 96 Prozent der deutschen Manager halten stilvolles Auftreten für extrem wichtig, schreibt die „Wirtschaftswoche“. Keine Karriere ohne gute Kinderstube.
  • Die Mehrheit der Frauen findet Männer mit Manieren attraktiv. Kavaliere sind angesagt, meint das Studenten-Magazin „Unikum“ und rät seinen Lesern: Schon mal einem Mädel die Tür aufgehalten? Junge, du glaubst nicht, wie ihre süßen Augen leuchten können.
  • Benimm ist „in“, behaupten auch die Meinungsforscher vom Allensbach-Institut. Fast 90 Prozent der Deutschen sind der Ansicht, dass Kinder im Elternhaus Höflichkeit, Respekt und Anstand lernen sollten.

Der gute Ton in allen Lebenslagen – das ist doch nichts Neues, oder? O doch, seit den Zeiten des Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge (1752-1796) hat sich viel verändert. Der Schriftsteller setzte sich eh nur am Rande mit Stil-Fragen auseinander; sein Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ ist ein philosophisches Traktat im Geist der Aufklärung. Dennoch: Wer heute Knigge sagt, meint Etikette.
Ein weites Feld, auf dem sich Bataillone von Benimm-Beratern tummeln. Sie nennen sich Trainer oder Coach, sind oft blauen Geblüts (Adel verpflichtet) und lehren das gemeine Volk, wie man beim Gala-Dinner korrekt mit Messer und Gabel isst, wie man auf der Betriebsfeier im Small Talk den großen Häuptling anspricht, ohne seinen Job zu riskieren – und dass man zum Smoking kein Hawaiihemd trägt. Ganz zu schweigen von den wirklich schwerwiegenden Kalamitäten des Lebens im 21. Jahrhundert: angefangen bei der modernen Technik (Wortwahl in E-Mails) über die kulinarischen Errungenschaften der Globalisierung (Sushi) zu den Geschlechterrollen (doch, doch, in bestimmten Situationen dürfen Frauen heutzutage das Männer-Klo benutzen).
Es gibt, ganz offenkundig, eine Nachfrage für derlei Stil-Kunde. Zu den bekanntesten Anstands-Damen der Republik zählt die Berlinerin Salka Schwarz, nach eigener Auskunft „Corporate-Behaviour-Beraterin“ und „Life-Coach“, Autorin von Büchern und seit Jahren TV-Kolumnistin. Die einen mögen ihre Ratschläge, die anderen schütteln sich vor Lachen – oder vor Ärger. Immerhin: Sie sorgt für Gesprächsstoff (ohne Honorar übrigens). Vielleicht sollte man ihre Tipps mit einem Augenzwinkern lesen. Und sich des alten Knigge erinnern. Der wusste nämlich: „Vor allen Dingen soll man nie vergessen, dass die Gesellschaft lieber unterhalten, als unterrichtet sein will.“
Herzliche Grüße
Peter Reinhart

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2 Kommentare

  1. Ingrid G. aus Trier schreibt:

    Guten Morgen, sehr geehrter Herr Reinhart,

    zum Leserbrief von Herrn Otto Müller aus Morbach fällt mir nur noch ein:
    „Jeder blamiert sich, so gut er kann.“

    Bitte, bitte, behalten Sie die köstliche Kolumne von Salka Schwarz unbedingt bei !!
    Nur wer die Regeln kennt, darf sie brechen, oder anders ausgedrückt:
    Wer die Regeln kennt, für den sind die Hinweise immer wieder amüsant zu lesen, für den, der sie nicht kennt, wertvolle Hilfen, besonders im Berufsleben.

  2. Vielleicht ist ja Herr Müller auch Experte im Benimm
    Ob man heute vielleicht Kotzen und WC – Gänge öffentlich ansprechen sollte ?
    Und jede Dame mit Tante anspricht. – Tut mir leid, diese Regeln kenne ich nicht.
    fragen Sie doch einfach demnächst Herrn Müller.
    Ich würde ihn eine Sonder – Kolumne machen lassen.
    Freundliche Grüße Margareta Hennen

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