Schneisen im Dschungel

Franziska Meyer-Heck aus Gerolstein schreibt: Das Leser-Forum gefällt mir sehr gut. Ich genieße es mit großem Interesse. Nun meine Frage: In der Mitarbeiterzeitung des „Verkehrsverbundes Region Trier“ ist mir folgender Satz aufgefallen: „… wenn dann jetzt der TV wieder zu einer objektiven Berichterstattung zurückfände…“. Berichten Sie etwa nicht immer objektiv? Ich lese seit Jahrzehnten den Volksfreund im Glauben der Objektivität. Sollte ich etwa jetzt nicht mehr so vorurteilsfrei lesen können?
Liebe Frau Meyer-Heck,
vielen Dank für Ihre Zuschrift. Der TV ist eine unabhängige und überparteiliche Zeitung, die Redaktion bemüht sich um objektive, kritische Berichterstattung – in Ihrem Beispiel über den Schulbus-Verkehr. Wir haben einige Missstände aufgedeckt und die dafür Verantwortlichen zur Rede gestellt. Dem Verkehrsverbund Region Trier (VRT) missfiel dies offenbar, daher der Seitenhieb auf den TV in der Mitarbeiter-Postille. Völlig in Ordnung. Wir erleben es häufiger, dass unliebsame Enthüllungen mit derlei Vorwürfen gekontert werden. Wohl wissend, dass die viel beschworene Objektivität ein hehres Ziel ist, zugleich aber ein unerreichbares Ideal. Wie das?
Jede Nachricht, die in der Zeitung steht oder in der „Tagesschau“ verlesen wird, sollte die sogenannten W-Fragen beantworten: Wer? Wann? Was? Wo? Wie? Warum? Sachlich, unvoreingenommen, so dass die Leser oder Fernsehzuschauer nicht merken, ob der Autor dafür oder dagegen ist, mit einem Wort: objektiv – als „überindividuelle, unabhängig vom Einzelnen bestehende Wahrheit“, so definiert es Meyers Lexikon.
Die Interpretation der Fakten in Leitartikeln, Kommentaren, Glossen oder Leserbriefen ist subjektiv, eine persönliche Ansicht des Verfassers.
So weit, so gut. Doch was „Objektivität“ tatsächlich ist, bleibt umstritten. Das Wort lässt sich nämlich mit philosophischer Finesse so auslegen, dass keine Nachricht davor Bestand hat. Journalisten wählen aus einer Fülle von Meldungen diejenigen aus, die ihnen am wichtigsten erscheinen:

  • der TV findet einen Unfall in der Eifel bedeutsamer als einen ebenso schweren in Sibirien – das ist nicht objektiv;
  • der TV erwähnt von den fünfzehn Rednern einer Trierer Stadtrats-Sitzung zehn überhaupt nicht und die anderen nicht in gleicher Länge – das ist nicht objektiv;
  • der TV schreibt viel über die Regionalliga-Fußballer von Eintracht Trier und wenig über die von Ludwigshafen-Oggersheim – das ist nicht objektiv.

Aber ist es gleich Manipulation oder Verzerrung der Wirklichkeit, wie manche Medienkritiker meinen?
„Über 99 Prozent aller Nachrichten … gelangen nie vor das Auge des Lesers, weil sie als zu unbedeutend, zu fragmentarisch, zu polemisch oder – nach den jeweils herrschenden Vorstellungen – zu unsittlich aussortiert werden“, schreibt Manfred Steffens in seinem Buch „Das Geschäft mit der Nachricht“. Das war 1971, weit vor dem Internet-Zeitalter.
Seit Informationen jederzeit an jedem Ort in ungeheurer Menge verfügbar sind, fällt es immer schwerer, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Aufgabe der Journalisten ist es, Schneisen in den wuchernden Nachrichten-Dschungel zu schlagen, Themen zu finden und aufzuarbeiten, die relevant sind. Doch ist das Ergebnis objektiv? Und was ist mit der Gewichtung (Aufmacher auf Seite eins oder Zehn-Zeilen-Meldung auf Seite 27)? Was ist mit der Sprache, der Perspektive? Subjektive Einflüsse sind unvermeidlich, auch wenn sich der Autor um Objektivität bemüht – nach bestem Wissen und Gewissen.
Schönes Wochenende!
Peter Reinhart

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