Anstand und Moral

Günter Schmitt aus Trier knüpft an die Kolumne vom vergangenen Wochenende an: Ich verstehe nicht, warum sich Friedel Thierry aus Detzem über die Umgangssprache in TV-Artikeln aufregt. Diese Ausdrücke stehen im Duden. Wenn er die vulgären Sex-Anzeigen in der Zeitung angesprochen hätte, könnte ich ihm folgen. Der ehemalige Verleger Nikolaus Koch würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er „seine“ Zeitung mit diesen Anzeigen sähe! Ich bin nicht prüde, doch hier sollte man, da die Zeitung auch von Kindern gelesen wird, Grenzen setzen.

Lieber Herr Schmitt,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Ich verstehe Ihre Bedenken. Solche Anzeigen mag niemand. Keiner liest sie, keiner kennt sie – zumindest gibt es kaum jemand zu. Aber offenbar werden die angepriesenen Dienstleistungen nachgefragt, sonst würden die Annoncen nicht geschaltet. Wolfgang Sturges, der Anzeigenleiter des TV, sieht das ganz sachlich: Wenn die Inhalte nicht gegen Gesetze oder behördliche Bestimmungen verstoßen, wenn sie nicht wettbewerbsverzerrend, beleidigend oder pornografisch sind, dann besteht kein Grund, die Anzeigen abzulehnen.

Mag sein, dass der Zeitungs-Patron Nikolaus Koch (1908 – 1982) derlei nicht zugelassen hätte. Er hätte vermutlich auch nicht erlaubt, dass Leserbriefe veröffentlicht werden, die sich kritisch mit dem TV auseinandersetzen. Aber: Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Medienwelt. Wenn Zeitungen heute so gemacht würden wie vor 30 Jahren, hätten die Leser wohl wenig Freude daran.

Kommerzielle Kommunikation, sagt der Deutsche Werberat, habe die Grundwerte der Gesellschaft und die vorherrschenden Vorstellungen von Anstand und Moral zu beachten. Sie müsse von Fairness im Wettbewerb und Verantwortung gegenüber der Gesellschaft getragen sein. Demnach darf Werbung:

  • das Vertrauen der Verbraucher nicht missbrauchen und mangelnde Erfahrung oder fehlendes Wissen nicht ausnutzen;
  • Kindern und Jugendlichen weder körperlichen noch seelischen Schaden zufügen;
  • keine Form der Diskriminierung anregen oder stillschweigend dulden, die auf Rasse, Abstammung, Religion, Geschlecht, Alter, Behinderung oder sexuelle Orientierung beziehungsweise die Reduzierung auf ein sexuelles Objekt abzielt;
  • keine Form gewalttätigen, aggressiven oder unsozialen Verhaltens anregen oder stillschweigend dulden;
  • keine Angst erzeugen oder Unglück und Leid instrumentalisieren;
  • keine die Sicherheit der Verbraucher gefährdenden Verhaltensweisen anregen oder stillschweigend dulden.

So weit die Grundsätze des Deutschen Werberats. Nun mag man im Einzelfall trefflich darüber streiten, ob die eine oder andere Kleinanzeige des horizontalen Gewerbes im TV „die vorherrschenden Vorstellungen von Anstand und Moral“ streift – überschritten wird die Grenze jedoch nicht.
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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